Kölner Erzbischof für kontinuierliche Neuorientierung der Kirche an der Bibel
Vatikanstadt, 7.10.08 (KAP) Die katholische Kirche muss sich nach Worten von Kardinal Joachim Meisner immer wieder an der Bibel orientieren. Das Lehramt stehe nicht über der Heiligen Schrift, betonte der Kölner Erzbischof vor der im Vatikan tagenden Weltbischofssynode am Dienstag.
Zugleich unterstrich Meisner den Charakter der Bibel als "Buch der Kirche". Ein angemessenes Verständnis sei nur dann möglich, wenn sie in dem Geist gelesen werde, in dem sie geschrieben worden sei, führte Meisner aus.
Der deutsche Kardinal hielt am Dienstagvormittag eines von 23 fünfminütigen Statements, mit denen sich Synodenteilnehmer zu Wesen und Auslegung der Bibel äußerten. Bis zum 26. Oktober beraten rund 250 Bischöfe, Ordensvertreter und Experten aus aller Welt im Vatikan über "Das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche".
Bozanic: Europa als "Hort der Angst"
Der kroatische Kardinal Josip Bozanic sagte bei der Synode, Europa laufe Gefahr, Gott zu verlieren und zu einem "Hort der Angst" zu werden. Der Kontinent erlebe derzeit eine Identitätskrise. Europa scheine vor Gott flüchten zu wollen und seine Identität in einem vagen Humanismus zu suchen; es schaffe letztlich eine "Zivilisation der Angst". Das Wort Gottes dagegen gebe Hoffnung und Freude zurück. Daher sei es zentrale Aufgabe, sich wieder das christliche Erbe anzueignen, zu den Wurzeln der geschichtlichen Identität und damit zum Gotteswort der Bibel zurückzukehren, so der Kardinal.
Es gebe in Europa heute ein neues Interesse an der Bibel, führte Bozanic in seinem Kontinental-Bericht aus. Die europäische Kultur und Zivilisation ist nach Worten von Bozanic eng mit dem Christentum und seiner Botschaft verbunden. Das "Europa der tausend Kathedralen", der Literatur und christlichen Musik, aber auch das Europa der Solidarität und der christlichen Nächstenliebe habe seinen Ausgangspunkt in der Bibel. Dort hätten Themen wie Anerkennung der Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit, aber auch die Trennung von Kirche und Staat ihren Ursprung. Zugleich verbinde die Bibel den Osten und den Westen, den Norden und den Süden des Kontinents wie auch die verschiedenen christlichen Kirchen untereinander.
Ist Bibelmission via Internet sinnvoll?
Skeptisch zur Glaubensverkündigung durch neue Medien äußerte sich bei der Synode Kardinal Peter Erdö aus Budapest. Nicht jeder Inhalt der Bibel könne in jeder möglichen Kommunikationsform weitergegeben werden. Den Medien warf Erdö vor, eine gläubige Haltung gegenüber der Heiligen Schrift oft voreilig als Fundamentalismus abzustempeln.
Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga aus Honduras dagegen sieht das Internet als Chance für die kirchliche Mission. So habe sich in Lateinamerika etwa die Initiative der "lectionautas" etabliert, die zahlreiche Christen zur täglichen Bibellektüre online zusammenschließe (http://www.lectionautas.com/). Auch Rodriguez hob die Notwendigkeit einer vertieften katholischen Bildung hervor, um den Herausforderungen evangelikaler Sekten begegnen zu können.
Weltjugendtag: Positivbilanz
Eine Positivbilanz des Weltjugendtages in Sydney vor drei Monaten zog bei der Synode Bischof Michael Ernst Putney aus dem australischen Townsville. Der Weltjugendtag habe der Kirche in Australien und Ozeanien starke Hoffnung vermittelt. Inmitten einer säkularisierten Gesellschaft habe er eine neue Lebendigkeit von Kirche gezeigt; diese Früchte gelte es nun zu ernten. Nach der Rückkehr von dem internationalen Treffen in Sydney hätten viele junge Australien in ihren Diözesen um eine Katechese und um einen Gedankenaustausch mit den Bischöfen gebeten.
Die Kirchen im pazifischen Raum stünden heute vor den Herausforderungen einer kulturellen Übergangsphase - dem Übergang von der Dorfgemeinschaft zum städtischen Leben und zur Einbindung in die globale Wirtschaft. Das habe Auswirkungen auf den Zusammenhalt der Familien und führe mitunter zum Zusammenbruch des sozialen Gefüges. Weiter gebe es oft Spannungen mit der politischen Entwicklung im Westen und dem von dort stammenden kolonialen Erbe. Außerdem leide die Region stark unter der Umweltbedrohung auf Grund der Klimaveränderungen.
Daneben gehörten Australien und Neuseeland zu den am meisten säkularisierten Ländern der Welt, führte Putney aus. Allerdings hätten viele Katholiken das Gefühl, dass mit dem Weltjugendtag "trotz der scheinbaren Undurchlässigkeit der säkularisierten Gesellschaft die versprochene neue Evangelisierung endlich wahr wird".






