1938
Das Jahr 1938 stellt aus politischer wie auch aus kirchlicher Sicht ein Schicksalsjahr für Österreich dar. Dem Einmarsch der deutschen Truppen am 12. März 1938 folgte nur einen Tag später der von vielen bejubelte Anschluss an das Deutsche Reich. Nur wenige Tage später machte der damalige Erzbischof von Wien, Kardinal Theodor Innitzer, dem neuen Machthaber, Adolf Hitler, im Wiener Hotel Imperial seine Aufwartung.
Beeindruckt von diesem Besuch, verfasste Innitzer daraufhin eine "Pastoralanweisung", die mit der Präambel anhob: "Dem Christen ist es eingedenk des Herrenwortes selbstverständliche Pflicht, weil er Gott gibt, was Gottes ist, auch dem Staate zu geben, was des Kaisers ist." Für Irritation sorgt außerdem bis heute die Erklärung der österreichischen Bischöfe vom 18. März 1938, in der die Bischöfe dazu aufriefen, dem Anschluss Österreichs zuzustimmen, sowie das Begleitschreiben Kardinal Innitzers, das mit einem handschriftlichen "Heil Hitler" des Kardinals schloss. Nur langsam gelingt es der historischen Forschung, dieses Kapitel in seiner ganzen Komplexität darzustellen (siehe auch "Innitzers andere Seite").
Rosenkranzfeier 1938
Einen der wenigen kirchlichen Lichtblicke dieser Zeit stellte die Rosenkranzfeier im Stephansdom vom 7. Oktober 1938 dar. Kardinal Christoph Schönborn bezeichnete sie im Rückblick als "größte Manifestation geistigen Widerstands im gesamten Dritten Reich".
Was war geschehen? - Im September 1938 strömten Tausende Jugendliche zum traditionellen Rosenkranzfest in den Stephansdom. Die Feier an sich hatte rein religiösen Charakter - doch im Anschluss an die Feier bestieg Kardinal Innitzer die Pilgram-Kanzel und hielt eine Ansprache an die Jugendlichen, von vom Eingeständnis seines Irrtums bei der Beurteilung des NS-Regimes geprägt war. Sie gipfelte letztlich in die Worte: "Wir wollen gerade jetzt ... umso fester und standhafter unseren Glauben bekennen und uns zu Christus bekennen, unserem Führer".
Die Machthaber empfanden dies als offene Provokation. Die Reaktion folgte prompt am nächsten Tag mit einem Sturm der "Hitler-Jugend" (HJ) auf das Erzbischöfliche Palais und das Curhaus am Stephansplatz 3. Kardinal Innitzer konnte im letzten Moment in Sicherheit gebracht werden, das Palais wurde verwüstet, das Christus-Bild, das die "Hitler-Jungen" mit ihren Dolchen zerstachen, hängt heute im Konsistorialsaal des Palais. Die "Appeasement-Phase" von Seiten der Kirche gegenüber dem neuen Regime war damit endgültig zu Ende. (Zeitzeuge Hermann Lein berichtet)
70-Jahr-Gedenken
Ein "Zeichen der Wachsamkeit" setzte ein Gedenkgottesdienst am 7. Oktober mit Kardinal Christoph Schönborn im Wiener Stephansdom. Wie Kardinal Innitzer vor 70 Jahren, so bestieg auch Kardinal Schönborn zu seiner Predigt die Pilgram-Kanzel. Der Wiener Erzbischof schlug dabei einen weiten Bogen zu heutigen Bedrohungen des Glaubens. So appellierte Schönborn - wie auch damals Innitzer - an die Jugend, das Vertrauen in den Glauben nicht zu verlieren: "Auch wenn heute über der Zukunft dunkle Wolken hängen: Habt Vertrauen in die Zukunft durch den Glauben an Christus!" Die jungen Menschen sollten sich "trauen" zu heiraten, Familien zu gründen und sich in die Nachfolge Christi berufen zu lassen. "Traut euch, in die Zukunft zu vertrauen", sagte Kardinal Schönborn. (siehe auch Meldung: Großes Gedenken im Stephansdom an die Rosenkranzfeier 1938)
| Predigt von Kardinal Christoph Schönborn am 7. Oktober 2008
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