Mit dem Jahreswechsel ging zugleich ein wichtiges Gedenkjahr zuende: Im Zentrum des Gedenkens standen dabei die Ereignisse rund um das zur Chiffre für Umsturz, Revolte und Befreiung gewordene Jahr 1989
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Die Leipziger Nikolaikirche im Oktober 1989: Immer mehr Menschen strömen zu den regelmäßigen Friedensgebeten, immer mehr Menschen schließen sich den Demonstrationszügen an, schließlich ziehen trotz massiven Polizeiaufgebots am 9. Oktober rund 70.000 Demonstranten unter den Augen der Weltöffentlichkeit durch die Stadt und skandieren "Wir sind das Volk" und ihren Wunsch nach Freiheit - ein Wunsch, der schließlich einen Monat später, am 9. November 1989, mit dem Fall der "Berliner Mauer" symbolträchtig in Erfüllung gehen sollte.
Inmitten dieses "Moments der Demokratie" (C. Crouch) notierte der Arbeiter Peter S. in einem Brief an seinen Enkel in der Schweiz: "Die Nikolaikirche füllt sich und ist bald überfüllt. Dabei ist noch viel Zeit bis zum Friedensgebet. Friedensgebet, was das bloß ist? Ich bin nicht gläubig, aber getauft wie Du, trotzdem bin ich hier. Warum? Ich schaue mich um. Wo sind sie, die Rowdys? Die, die die öffentliche Ordnung stören und 'staatsfeindliche Parolen' schreien und Transparente mit 'antisozialistischem Inhalt' durch unsere Innenstadt tragen. Ich sehe nur Menschen, die so sind wie ich ... Sind das die Christen? Aber ich bin ja auch still, weil ich in Gedanken bin. In Gedanken bei Dir. Bin ich auch ein Christ?"
Beitrag der Christen
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Was war tatsächlich der Beitrag der Christen zur "Wende"? Lässt sich neben dem immer wieder unterstrichenen Beitrag Papst Johannes Pauls II. zur Formierung etwa des polnischen Widerstandes (siehe Interview mit Irena Lipowicz) auch ein Beitrag der christlichen "Basis" ausmachen? Zwanzig Jahre nach der "Wende" ziehen katholische Spitzen eine durchaus kritische Bilanz: So räumt der Berliner Erzbischof, Georg Kardinal Sterzinsky, in einem Interview ein, dass das Verhalten der katholischen Kirche im Wendejahr "zu zaghaft" und "zu ängstlich" gewesen sei. Galt politische Zurückhaltung jahrelang als Garant für ein in den engen Grenzen eines kirchenfeindlichen Überwachungsstaates aufrechtzuerhaltendes kirchliches Leben, so stellte sich diese Taktik spätestens 1989 als überholt dar.
In dieselbe Kerbe schlug früh schon der Erfurter Bischof Joachim Wanke. In einem Hirtenbrief zur österlichen Bußzeit im Jahr 1990 formulierte Wanke selbstkritisch: "Ja, auch wir (katholische) Christen haben Buße nötig. Jeder von uns wird bedenken müssen, wo er – mit oder gegen seinen Willen – in die allgemeine Unwahrhaftigkeit dieses Landes mitverstrickt war." Und er fragte: "Hatten wir vielleicht zu wenig Mut, besonders in den letzten Jahren, uns in die Gesellschaft einzumischen, um sie zu verändern?" Schließlich resümiert der ehemalige Berliner Bischof (1980–1989) und jetzige Erzbischof von Köln, Joachim Kardinal Meisner: "Wenn ich gewusst hätte, dass der Laden nur noch zwei Jahre hält, wäre ich frecher gewesen."
"Einübung demokratischer Spielregeln"
Folgt man dagegen dem Erfurter Kirchenhistoriker Prof. Josef Pilvousek, so wurden offene Pfarrhäuser und Kirchen zu Orten geistiger Dissidenz, in denen der Samen zum Widerstand gelegt wurde. Direkten Widerstand in jenen dramatischen Tagen hat die katholische Kirche zwar nicht geübt, doch darf sie sich zumindest als Wegbereiterin der Zivilgesellschaft verstehen. Pilvousek: "So darf zu Recht behauptet werden, dass sich unter dem Schutz der Kirchen und durch sie vorbereitet der Wille des Volkes artikulieren konnte. Innerhalb des katholischen 'Gettos' fand also eine bemerkenswerte Einübung in demokratische Spielregeln statt."
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