Im "Kathpress"-Interview erinnert sich die ehemalige polnische Botschafterin in Österreich, Irena Lipowicz, an die Zeit des Umbruchs in Polen 1989 - "Ohne die Kirche hätte es die Solidarnosc vermutlich nicht gegeben"
Wien-Warschau, 23.2.09 (KAP) Die Rolle der Kirche im Umbruchsprozess in Polen 1989 kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Dies betonte die ehemalige polnische Botschafterin in Österreich und jetzige geschäftsführende Direktorin der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, Irena Lipowicz, im Gespräch mit "Kathpress" aus Anlass des Gedenkens an das Wendejahr 1989. "Die Kirche war für uns damals die Festung der Freiheit", so Lipowicz, die selbst von Beginn an zu den Unterstützern und Aktiven in der oppositionellen Gewerkschaft "Solidarnosc" zählte.
Heute werde insbesondere von jüngeren Historikern die Rolle der Kirche immer wieder heruntergespielt, kritisierte Irena Lipowicz. Dagegen gelte es zu betonen, dass die Kirche damals ein "Territorium" darstellte, "auf das die Staatsmacht kaum zugreifen konnte und wo daher ein Raum der Freiheit und des Denkens von Freiheit" entstehen konnte. Unter dem Dach der Kirche diskutierten atheistische Künstler neben Politikern und Katholiken. Geeint habe sie die Sehnsucht nach Freiheit und Gerechtigkeit. Konkreter und sichtbarer Ausdruck dieses kirchlich gewährten Freiraumes war laut Lipowicz die "Solidarnosc", "eine wunderbare Mischung von Menschen, die nach Veränderung verlangten, nach Erneuerung und nach Gerechtigkeit". Ohne die Kirche und ohne die hohe symbolische Bedeutung von Johannes Paul II. und seine Reise nach Polen 1979 wäre es "vermutlich nicht zur Gründung der 'Solidarnosc' gekommen", so Irena Lipowicz. Die "Solidarnosc" wurde 1980 aus einer Streikbewegung heraus gegründet. Vorsitzender war von 1980 bis 1990 der spätere polnische Staatspräsident Lech Walesa. Eine wichtige Rolle habe auch der damalige Erzbischof von Gnesen und Warschau, Kardinal Stefan Wyszynski, gespielt. Er galt als Vermittler zwischen der "Solidarnosc" und den kommunistischen Staatsbehörden und zugleich als Symbolgestalt des geistigen Widerstands gegen das kommunistische Regime. Gemeinsam mit Johannes Paul II. habe er in Polen "Kirche und Gesellschaft produktiv zusammengebracht". Insbesondere in den Jahren nach dem Verbot der "Solidarnosc" wurde die Kirche zu einem Raum, in dem politische Konzepte für die Zeit nach einem Regimewechsel erarbeitet wurden. Das politische Spektrum der "Solidarnosc" war dabei laut Irena Lipowicz "extrem breit und reichte von links bis rechts". Geeint wurde auch die "Solidarnosc" nur "durch das allen gemeinsame Streben nach Freiheit, nach einem unabhängigen Polen, nach der Anerkennung der Menschenrechte". Irena Lipowicz war in dieser Zeit Mitglied des Untergrund-Gesetzgebungsrates der "Solidarnosc", der konkrete Gesetzesvorschläge ausarbeitete. In der Übergangszeit bei den Beratungen am "Runden Tisch" zwischen Februar und April 1989 war sie schließlich für die Ausarbeitung eines Modells der kommunalen Selbstverwaltung in Polen zuständig. Keine Gefahr kirchlicher "Selbstghettoisierung" Eine Gefahr kirchlicher "Selbstghettoisierung" und des Rückzugs der Kirche aus der gesellschaftlichen Verantwortung, wie sie in mehreren Reformstaaten stattgefunden habe, sieht Lipowicz für Polen derzeit nicht. Die letzten fünfzehn Jahre seien vielmehr "eine Zeit des Triumphes und der Anerkennung der Kirche" gewesen. Die "Prophezeiungen des Niedergangs" seien nicht in Erfüllung gegangen, die Katholizität der Polen sei nahezu ungebrochen, so Irena Lipowicz. Dennoch mahnt die Juristin zur Vorsicht: "Diese Phase hält vielleicht noch zehn Jahre an". Wenn sich die Kirche in den nächsten Jahren aus der gesellschaftlichen Verantwortung zurückziehe und ihre "neue Rolle in der Gesellschaft nicht findet", könnte es auch in Polen zu einer Erosion der Religiosität kommen. Irena Lipowicz wurde 1953 in Gleiwitz (Gliwice) geboren. In Kattowitz (Katowice) studierte sie Jura, wo sie sich nach ihrer Promotion 1992 habilitierte. Von Beginn an schloss sie sich der unabhängigen Gewerkschaft "Solidarnosc" an, für die sie auch im Untergrund tätig war. 1991 wurde sie für die Demokratische Union von Tadeusz Masowiecki in den Sejm, das polnische Parlament, gewählt. Von 2000 bis 2004 war sie als polnische Botschafterin in Österreich tätig. Seit 1998 hat sie den Lehrstuhl für Verwaltungsrecht an der Warschauer Kardinal-Wyszynski-Universität inne. Sie hat mehr als 40 wissenschaftliche Abhandlungen veröffentlicht und lehrte an den Universitäten Köln, Passau, Tübingen, Athen und Graz. Seit 2008 ist sie geschäftsführende Direktorin der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit. Irena Lipowicz ist u.a. Trägerin des Großen Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich sowie Trägerin des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland.






