Wien, 21.10.09 (KAP-ID) "Die Kirche füllt sich und ist bald überfüllt. Dabei ist noch viel Zeit bis zum Friedensgebet. Friedensgebet, was das bloß ist? Ich bin nicht gläubig, aber getauft wie Du, trotzdem bin ich hier. Warum? Ich schaue mich um. Wo sind sie, die Rowdys? Die, die die öffentliche Ordnung stören und 'staatsfeindliche Parolen' schreien und Transparente mit 'antisozialistischem Inhalt' durch unsere Innenstadt tragen. Ich sehe nur Menschen, die so sind wie ich. (...) Sind das die Christen? Aber ich bin ja auch still, weil ich in Gedanken bin. In Gedanken bei Dir. Bin ich auch ein Christ?"
Diese Zeilen finden sich in der Dokumentensammlung "Nikolaikirche - offen für alle". Sie stammen aus einem Brief des Arbeiters Peter S. vom 16. Oktober 1989 an seinen Enkel in der Schweiz. Wie so viele, nimmt auch er in diesen bewegten Oktobertagen an den montäglichen Friedensgebeten teil - obwohl er kein Christ ist. Dieses persönliche Zeugnis ist nicht nur berührend, es sagt viel über die Vorgänge damals: Die Kirchen waren tatsächlich Horte des friedlichen Widerstandes - und das nicht nur für Christen.
Dabei ist die Rolle insbesondere der Katholiken bei der friedlichen Revolution weiterhin umstritten. Anders als die ungleich politischeren evangelischen Christen gelten die Katholiken im Rückblick auf ihr politisches Gebaren in der DDR gemeinhin eher als Trittbrettfahrer des Umsturzes, als gesellschaftspolitische Abstinenzler, die sich mehr um die Bewahrung eines wackeligen Verhältnisses zum SED-Regime gekümmert haben als dass sie das Kreuz der Nachfolge in widrigen Umständen auch auf den Straßen auf sich genommen hätten.
Entsprechend wird pünktlich zum 20-Jahr-Gedenken des Mauerfalls auch katholische Selbstkritik geübt. So räumt etwa den Berliner Erzbischof, Kardinal Georg Sterzinsky, in einem Interview mit der deutschen Katholischen Nachrichtenagentur KNA ein, dass das Verhalten der katholischen Kirche im Wendejahr "zu zaghaft" und "zu ängstlich" gewesen sei. Galt politische Zurückhaltung jahrelang als Garant für ein in den engen Grenzen eines kirchenfeindlichen Überwachungsstaates aufrecht zu erhaltendes kirchliches Leben, so stellte sich diese Taktik spätestens 1989 als überholt dar.
Politische Zurückhaltung
In dieselbe Kerbe schlug bereits sehr früh der Erfurter Bischof Joachim Wanke. In einem Hirtenbrief zur österlichen Bußzeit im Jahr 1990 formulierte Wanke selbstkritisch: "Ja, auch wir (katholische) Christen haben Buße nötig. Jeder von uns wird bedenken müssen, wo er - mit oder gegen seinen Willen - in die allgemeine Unwahrhaftigkeit dieses Landes mitverstrickt war." Und er fragte: "Hatten wir vielleicht zu wenig Mut, besonders in den letzten Jahren, uns in die Gesellschaft einzumischen, um sie zu verändern?" Schließlich resümiert der bekanntlich um deutliche Worte nie verlegene ehemalige Berliner Bischof (1980-1989) und jetzige Erzbischof von Köln, Kardinal Joachim Meisner: "Wenn ich gewusst hätte, dass der Laden nur noch zwei Jahre hält, wäre ich frecher gewesen".
So sehr dieses Zitat schmunzeln lässt, so exakt trifft es jenes Dilemma, in dem die "offizielle" katholische Kirche in der DDR, vertreten durch die von 1976 bis 1990 agierende "Berliner Bischofskonferenz", verfangen war. Denn weniger war es Mutlosigkeit der Bischöfe oder gar eine Selbsttäuschung der Kirche, die den Grund der politischen Passivität ausmachten, sondern vielmehr eine über viele Jahre eingeübte diplomatische Praxis, die die Kirche in ein allzu starres kirchenpolitisches Korsett einschnürte.
So lautet jedenfalls die These des Erfurter Kirchenhistorikers und Experten für die DDR-Zeitgeschichte, Prof. Josef Pilvousek. In zahlreichen Aufsätzen und Büchern, zuletzt in einem Beitrag über "Bischofskonferenz, Bischöfe und die friedliche Revolution von 1989" in der Erfurter theologischen Zeitschrift "Theologie der Gegenwart", hat Pilvousek immer wieder zu historischer Genauigkeit gemahnt. Man müsse unterscheiden zwischen den institutionellen und den konkreten Akteuren, denn "kaum unterschieden wurde zwischen Gläubigen, Priestern und Bischöfen, kaum präzisiert, worauf sich das 'Versagen' eigentlich bezog", so Pilvousek.
Ohne das tatsächliche Zaudern der nach Möglichkeit stets mit einer Stimme sprechenden "Berliner Bischofskonferenz" herunterspielen zu wollen, lässt sich die politische Abstinenz jedoch zumindest ein stückweit erklären. So etwa durch den Hinweis auf den seit 1947 für die kirchliche Linie zentralen "Preysing-Erlass". Ein gutes halbes Jahrhundert hat die - später immer wieder adaptierte und modifizierte - Doktrin des Bischofs von Berlin, Kardinal Konrad von Preysing, seine Gültigkeit bewahrt, dass der Klerus im Umgang mit den staatlichen Behörden äußerste Zurückhaltung zu bewahren hätte. Bis zum Ende der DDR wurde diese Doktrin einer "reglementierten Gesprächsführung" laut Pilvousek "ständig erneuert und eingeschärft, um Einstiegsmöglichkeiten in den 'kirchlichen Bereich' zu verhindern".
Wandel zu spät erkannt
In diesem Kielwasser segelte die Kirche in der DDR selbst nach dem von vielen Katholiken bejubelten Konzil weiter. So warnte der langjährige Vorsitzende der "Berliner Bischofskonferenz" und Zimmermann der kirchlichen Einheit in der DDR, Kardinal Alfred Bengsch, vor einer allzu rapiden Öffnung hin zur Welt. Dem "aggiornamento" von "Gaudium et spes" hielt Bengsch die Warnung vor einer übertriebenen "Dialogbesoffenheit" entgegen.
Kurz gesagt: Die kirchlichen Leitungsgremien lagen in den Fesseln ihrer frühen politischen Grundentscheidung, sich im Staate einzurichten, ohne ihn damit legitimieren zu wollen. Den Blick starr auf diesen schmalen Grat gerichtet, übersah man zugleich, dass sich die Vorzeichen der Politik grundsätzlich zu ändern begannen. Diese Ambivalenz, so schließt Pilvousek, zeigte sich 1989 deutlich: "Was bisher zusammenhielt, schnürte nun ein".
Keine "schweigende Kirche"
Dennoch war die katholische Kirche in der DDR keinesfalls eine "schweigende Kirche". Immer wieder haben DDR-Bischöfe durch Predigten, Hirtenbriefe oder Sendschreiben den Staat brüskiert, so dass sie unter verschärfte Beobachtung gestellt wurden. Beschleunigt wurde dieser Emanzipationsprozess von den verkrusteten kirchenpolitischen Vorgaben schließlich durch einen Generationenwechsel im ostdeutschen Klerus Anfang der 1980er Jahre. Mit Joachim Meisner, Joachim Wanke, Joachim Reinelt und Georg Sterzinsky kamen Bischöfe ans Ruder, die sich laut Pilvousek "immer weniger an die sogenannten 'Geschäftsgrundlagen'" und damit an die bisherige "political correctness" hielten.
Internationale theologische Netzwerke wurden geknüpft, Symposien abgehalten. Auch sprach die neue Generation offener und unverzagter. So griff etwa Bischof Wanke in einem Hirtenbrief vom 23. September 1989 das SED-Regime offen an und benannte gesellschaftliche Missstände. Pilvousek: "Dieser Hirtenbrief war im Inhalt und Zuschnitt eine völlige Abkehr von der bisherigen Linie der Geschlossenheit und politischen Abstinenz der Berliner Bischofskonferenz".
Es war Bischof Wanke, der diesen Mentalitätsumschwung selbst auf den Punkt brachte: "Wir wollen auch hierher gehören, nicht, weil wir nicht anders können, sondern weil wir um dieses Landes willen einen Weg suchen wollen, um das Evangelium Christi auf 'mitteldeutsch' zu buchstabieren". Durch diese Kurskorrektur wurde laut Pilvousek eine zuvor primär kirchenpolitische Fixierung aufgegeben, "ohne dass es dadurch aber zu einem Aufbrechen der inneren Geschlossenheit und einer Instrumentalisierung der katholischen Kirche für den Staat und die sozialistische Gesellschaft gekommen wäre." Es galt fein zu differenzieren, "an welcher Stelle wir in die Speichen greifen", so Kardinal Sterzinsky. Und heute gelte es ebenso fein zu differenzieren "zwischen Gläubigen in den Gemeinden (...) und dem Handeln der offiziellen Vertreter der Kirche".
Ein weiteres Anzeichen dieses wachsenden neuen Selbstbewusstseins war etwa der Hirtenbrief der ostdeutschen Bischöfe von 1986, in dem sie erklärten: "Wir sind nicht eine Landeskirche, sondern katholische Weltkirche in einem Land" und so ihre bleibende Distanz zum politischen Regime klarstellten. Offensiv zeigte sich dieses Selbstbewusstsein schließlich im Katholikentreffen in Dresden 1987, an dem rund 100.000 Gläubige teilnahmen. Auch drei "Ökumenische Versammlungen für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung" in Dresden und Magdeburg in den Jahren 1988/89 sollten Ausdruck dieses neuen Selbstverständnisses in kritisch-produktiver Distanz zur politischen Klasse des Landes sein, ohne sich jedoch aus der gesellschaftlichen Verantwortung herauszustehlen.
Dissidenten an katholischer Basis
Ein Spagat, der erst durch eine gemeinsame Erklärung vom 11. November 1989 unter dem Titel "Zur gegenwärtigen Situation in Staat und Gesellschaft der DDR" aufgelöst wurde. Erst zu diesem freilich sehr späten Zeitpunkt, als die friedliche Schlacht bereits geschlagen war, sprachen sich die Bischöfe endlich offen dafür aus, die "gewisse Zurückhaltung" aufzugeben und den "Prozess der Erneuerung" auch von katholischer Seite mit Nachdruck zu stützen. Die Aufgabe der Christen bestünde darin, so die Bischöfe, "die Pflicht zur politischen Verantwortung wahrzunehmen".
So sehr die "offizielle" Kirche von der Wende also auf dem falschen Fuß erwischt wurde, so sehr ist es laut Pilvousek der katholischen Basis zu verdanken, der Wende durch kleine Schritte mit den Boden bereitet zu haben. Offene Pfarrhäuser und Kirchen wurden auch zu Orten geistiger Dissidenz, in denen der Samen zum Widerstand gelegt wurde. Wenn auch die katholische Kirche sich keinen Orden für ihren direkten Widerstand anheften kann, so darf sie sich zumindest als Wegbereiterin der ostdeutschen Zivilgesellschaft verstehen. Pilvousek: "So darf zu Recht behauptet werden, dass sich unter dem Schutz der Kirchen und durch sie vorbereitet der Wille des Volkes artikulieren konnte. Innerhalb des katholischen 'Ghettos' fand also eine bemerkenswerte Einübung in demokratische Spielregeln statt."
Eine lange katholische Vorgeschichte
In weiteren Aufsätzen und Publikationen hat sich Prof. Pilvousek darüber hinaus mit der Geschichte der katholischen Kirche in der DDR befasst. So attestiert Pilvousek etwa, dass sich die katholische Kirche in der DDR insgesamt als zwischen Flucht oder Bleiben zerrissene Kirche darstellen lässt: "Die katholische Kirche in den neuen Bundesländern ist, sieht man von den wenigen geschlossenen katholischen Gebieten ab, schon seit der Reformation Diasporakirche gewesen."
Der Ausweisungsplan des Alliierten Kontrollrates vom 20. November 1945 sah die Ausweisung von 6,65 Millionen Deutschen aus dem Gebiet östlich der Oder-Neiße-Linie vor. Davon sollten 3,9 Millionen von den Westzonen und 2,75 Millionen von den Ländern der SBZ (Sowjetische Besetzte Zone) aufgenommen werden. Tatsächlich wurden es mehr als doppelt so viele Flüchtlinge, rund 12 Millionen. Die Folge: Lebten auf dem Gebiet der späteren DDR vor dem Zweiten Weltkrieg rund eine Million Katholiken, erhöhte sich ihre Zahl durch die Fluchtbewegungen aus dem Osten auf über 2,7 Millionen. Ihr Anteil an der Bevölkerung auf dem Gebiet der DDR stieg damit nach dem Krieg auf rund 14 Prozent. Die Belastung für die seelsorgerische Betreuung war entsprechend groß, der Priestermangel eklatant, so Pilvousek.
Nachdem die Zahl der Katholiken im Jahr 1949 mit rund 2,7 Millionen ihren Höchststand erreicht hatte, ging sie nach Gründung der DDR durch neue Fluchtbewegungen bis zum Mauerbau 1961 um über eine Million Gläubige zurück.
Eine erneute Fluchtbewegung setzte dann unmittelbar nach dem Umbruch von 1989/90 ein, so Pilvousek. Diese ließ die Zahl der Katholiken auf dem Gebiet der (ehemaligen) DDR abermals um rund 140.000 schrumpfen. Schließlich pendelte sie sich bis Ende der 1990er Jahre auf dem Gebiet der neuen deutschen Bundesländer auf rund 900.000 ein. Laut kirchlicher Statistik aus dem Jahr 2007 liegt heute die Zahl der Katholiken bei rund 877.000. Damit belegt laut Pilvousek die Statistik, dass die katholische Kirche in Ostdeutschland "eine Kirche von Vertriebenen und Übersiedlern war und zum Teil noch ist".
Weg von "Flüchtlingsmentalität"
Auf die Kirche in der DDR könne daher ein Grundsatz der Mobilitätsforschung angewendet werden: "Wer gezwungen weggeht, kommt unwillig an." Der hohe Anteil an Flüchtlingen unter den katholischen Bevölkerungsteilen brachte nach dem Krieg ein enormes Integrationsproblem mit sich, hofften doch sowohl die Flüchtlinge als auch die bisherigen Einwohner auf eine rasche Rückkehr der Flüchtlinge in ihre Heimat. Entsprechend sei die wirtschaftliche Hilfe für die Flüchtlinge - auch von Seiten der Kirche - in den ersten Jahren auf eine "zeitlich begrenzte Aufnahme und Betreuung" ausgerichtet gewesen. Entsprechend hielt man sich auch von kirchenamtlicher Seite mit Kommentaren zu den anhaltenden Fluchtbewegungen zurück.
Erst Mitte der 1950er Jahre änderte sich allmählich die Mentalität unter den ostdeutschen Katholiken - eine Mentalität, die der damalige Meißner Bischof Otto Spülbeck (1904-1970) auf dem Kölner Katholikentag von 1956 mit dem Bild eines Hauses umschrieb, in dem man wohne, dessen Grundfesten man aber nicht gebaut habe. Und obwohl man die Fundamente des Hauses für falsch halte, lebe man doch gemeinsam in ihm und wolle dazu beitragen, dass es menschenwürdig zugehe, dass man darin als Christ leben könne und so ein Miteinander ermögliche.
Dieser Mentalitätswandel kann laut Pilvousek als so etwas wie der "Beginn der katholischen Kirche in der DDR" gesehen werden. Zwar habe man die Hoffnung auf Rückkehr oder Wiedervereinigung Deutschlands noch nicht gänzlich aufgegeben gehabt, "doch die mittlerweile entstandenen Gemeinden, pastoralen Konzepte und Äußerungen hatten offenbar ein Bewusstsein von 'katholischer Kirche im Osten' geschaffen". Ein anfänglicher "Diasporakatholizismus" wandelte sich langsam zu einem selbstbewussten östlichen Katholizismus.
Der Mauerbau im Jahr 1961 bildete schließlich eine "Zäsur". Hatten bis dahin Kirchenbesuche und Kirchenfrömmigkeit noch zugenommen, zeichnete sich seither laut Pilvousek "allmählich ein kirchlicher Erosionsprozess" ab, in dessen Folge die öffentlich sichtbare Teilnahme an Gottesdiensten zu christlichen Hochfesten signifikant abnahm, die Kirchenfrömmigkeit (definiert bei Pilvousek durch "Kommunionempfang je Katholik") der aktiven Katholiken jedoch weiter anstieg.
Schwierige Jurisdiktionsverhältnisse
Ein jurisdiktionelles Hemmnis zur Herausbildung einer nicht nur gefühlten, sondern auch faktisch eigenständigen Kirche in der DDR stellten die kirchlichen Jurisdiktionsverhältnisse dar. Auf dem Gebiet der DDR befanden sich die Diözesen Berlin (Erzbischof Konrad von Preysing), Meißen (Bischof Heinrich Wienken), der westliche Teil der Diözese Breslau, das Erzbischöfliche Kommissariat Magdeburg als Teil der Erzdiözese Paderborn, der mecklenburgische Teil der Diözese Osnabrück, der in Thüringen, im Obereichsfeld und in der Rhön gelegene Teil der Diözese Fulda sowie der südthüringische Teil der Diözese Würzburg, das Kommissariat Meiningen. Das Problem war also evident: Die eigentlichen Jurisdiktionsträger der abgeschotteten diözesanen Gebiete in Ostdeutschland waren die jeweiligen westlichen Ordinarien.
Da bereits vor dem Mauerbau die politische Teilung sich weiter verfestigte, agierten die Bischöfe von Osnabrück, Fulda, Paderborn und Würzburg mit Weitsicht und übertrugen die Jurisdiktionsvollmacht jeweils einem im Ostteil ihrer Diözese ansässigen Diözesanpriester. Mit einer neuen Organisationsstruktur der ostdeutschen Diözesananteile hatte dies jedoch noch nichts zu tun.
Am 12. Juli 1950 wurde durch Pius XII. die "Berliner Ordinarienkonferenz" (BOK) gegründet; damit änderte sich laut Pilvousek zunächst nichts an der jurisdiktionellen Abhängigkeit der ostdeutschen Kirche von den westdeutschen Diözesen. Diese Situation blieb letztlich noch bis zur Gründung der "Berliner Bischofskonferenz" (BBK) 1976 "brisant", so Pilvousek.
Den Ausschlag zu diesem Schritt gaben jedoch keine kirchlichen Akte, sondern das DDR-Regime selbst: So wies die politische Führung in Ostberlin die westdeutschen Diözesen im Jahr 1969 darauf hin, dass sie bei der Neubestellung von Weihbischöfen für die östlichen Diözesangebiete nicht mehr akzeptieren werde, dass diese einem westdeutschen Ordinarius unterstellt würden.
1972 folgte der Abschluss des Grundlagenvertrages zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR. Dieser setzte laut Pilvousek "eine breite politische Anerkennung der DDR" ins Werk, die schließlich "eine weitergehende Neuordnung der Jurisdiktionsverhältnisse unumgänglich erscheinen ließ". So erfolgte die Konstituierung einer eigenständigen Bischofskonferenz zwar auch aus pastoralen, aber ebenso aus politischen Gründen.
Johannes Paul II. änderte Ostpolitik
Einen wichtigen Schritt in diese Richtung stellte schließlich die Ernennung der bisherigen Titularbischöfe und Bischöflichen Kommissare in Magdeburg, Schwerin und Erfurt am 20. Juli 1973 durch Papst Paul VI. zu Apostolischen Administratoren auf Dauer ("Administratores Apostolici permanenter constituti") dar. Die Administratoren erhielten dieselben Rechte und Pflichten wie residierende Bischöfe. Pilvousek: "Die Jurisdiktion der in der Bundesrepublik residierenden Diözesanbischöfe und ihrer Generalvikare war demzufolge für die Gebiete in der DDR suspendiert."
Der vatikanische Plan war jedoch noch weitreichender: Diese Gebiete sollten von ihren westlichen Mutterdiözesen gänzlich abgetrennt und zu eigenen Apostolischen Administraturen erhoben werden. Dieses Vorhaben wurde letztlich nicht umgesetzt: Papst Johannes Pauls II. lenkte die vatikanische Ostpolitik in andere Gleise.
Ein wichtiges Bindeglied zwischen den nunmehr eigenständigen Kirchen in West und Ost blieb der Bischof von Berlin, da er ordentliches Mitglied beider Bischofskonferenzen war. Obgleich spätestens durch den Mauerbau gänzlich abgeschottet und politisch kontrolliert, verstand sich die Kirche in der DDR stets als Teil der Weltkirche. Wurden auch Dienstreisen weitgehend unterbunden und nur private Kontakte ins Ausland zugelassen, so behinderte die "auf internationale Anerkennung bedachte" DDR die offiziellen Kontakte der Bischöfe mit dem Heiligen Stuhl doch "zu keiner Zeit".
Insgesamt könne aufgrund der bleibenden Distanz der Kirche zu den Machthabern und aufgrund des eingeschränkten Handlungsspielraums insbesondere seit dem Mauerbau den Bischöfen attestiert werden, "den innerkirchlichen Freiraum mit Umsicht und Energie im ganzen erfolgreich geschützt zu haben", schließt Pilvousek.
"Ära Bengsch"
Eine herausragende Rolle unter den Bischöfen der DDR spielte der Berliner Erzbischof Bengsch. 1961 wurde er als Nachfolger von Julius Kardinal Döpfner zum Bischof von Berlin gewählt. Aufgrund seiner durchgreifenden Art, durch der er der Kirche in der DDR ein eigenes Gepräge gab, sprach man in der Folge auch von der "Ära Bengsch". Prägend wurde er insbesondere als Vorsitzender der Berliner Bischofskonferenz, die unter seiner Führung als Einheit auftrat und öffentlich mit einer Stimme sprach.
Überraschend auch Bengschs Einsatz beim Zweiten Vatikanischen Konzil: Hier gehörte er zu jenen 75 Konzilsvätern, die bei der Schlussabstimmung am 7. Dezember 1965 gegen die Annahme der später groß gefeierten Pastoralkonstitution "Gaudium et spes" stimmte. In einem Brief an Papst Paul VI. begründete Bengsch diese Ablehnung mit dem Hinweis, dass der Text durch ein totalitäres Regime wie etwa jenes in der DDR missbraucht werden könne. Sprach sich "Gaudium et spes" für eine Öffnung der Kirche zur Welt und also auch für eine Achtung der - nicht zuletzt politischen - "Zeichen der Zeit" aus, so wollte Bengsch die Kirche in der DDR gerade vor diesem Schritt bewahren, sah er in ihm doch die Gefahr einer "zu großen Nähe zum Staat", so Pilvousek.
Führungswechsel knapp vor der Wende
In den Wochen unmittelbar vor der Wende war die katholische Kirche in der DDR durch die Sedisvakanz auf dem Berliner Bischofsstuhl gehemmt. Nach dem Wechsel von Kardinal Joachim Meisner im Februar 1989 nach Köln wurde Georg Sterzinsky am 9. September zum Bischof geweiht und Meisners Nachfolger in Berlin.
Der Führungswechsel habe eine Änderung des Kurses der politischen Zurückhaltung verzögert, der sich zuvor für die katholischen Diözesen in der DDR bewährt hatte, sagt Sterzinsky heute im Rückblick. Die Bischöfe seien in den entscheidenden Wochen im Herbst zu zaghaft gewesen seien. Sie hätten den richtigen Zeitpunkt verpasst, sich klar auf die Seite der Opposition zu stellen, etwa nach den gefälschten Kommunalwahlen im Mai. Er selbst, so sagt er, habe sich in den ersten Wochen nach seiner Amtsübernahme noch unsicher gefühlt und nicht gleich die traditionelle Distanz zur Politik aufgeben wollen.
Furore machte allerdings das Hirtenwort des Magdeburger Bischofs Johannes Braun: "Eine Gruppe oder eine Partei, die von sich behauptet, sie habe immer recht, ist nicht dialogfähig, nicht fähig, Reformen einzuleiten", befand Braun unverblümt - damals noch unerhörte Töne für die SED. Aber um selbst eine eigene Protestbewegung auf den Weg zu bringen, "waren wir nicht stark genug", so Sterzinsky. Und mit mancher Forderung der Protestanten taten sie die Katholiken schwer, etwa mit der nach einem "verbesserlichen Sozialismus", weil damit der Sozialismus als solcher nicht in Frage gestellt wurde.
Dennoch beteiligten sich viele Katholiken an den Friedensgebeten und anderen Veranstaltungen, die meist in evangelischen Kirchen stattfanden. Manche katholische Laien ergriffen beherzt die neuen Chancen. Sie hatten in katholischen Studentengemeinden oder innerkirchlichen Gremien die ersten Erfahrungen mit demokratischen Verfahren gemacht. Die prominentesten von denen, die es in die Politik verschlug, waren der SPD-Politiker Wolfgang Thierse und der CDU-Politiker Hans Joachim Meyer.
Als am 9. November 1989 in Berlin die Mauer fiel, war Erzbischof Sterzinsky gerade zum Antrittsbesuch bei Papst Johannes Paul II. nach Rom gereist. Erst nach seiner vorzeitigen Rückkehr konnte er am darauffolgenden Sonntag in der Berliner Hedwigs-Kathedrale einen großen Dankgottesdienst feiern.






