Der Kardinal kritisierte, dass das Ende der DDR "allein vom allerletzten Schritt über die Schwelle von der Wüste in das Land der Freiheit" bewertet werde. Dagegen blieben "die 999 Schritte davor" außer Acht. Die katholische Kirche habe sich in der sozialistischen Gesellschaft immer als "Teil gegen das Ganze" und als "Protest gegen die gleichgeschaltete Masse" verstanden und in den 40 Jahren DDR das "biblische Zeugnis des Nicht-Mitmachens" abgelegt. "Diesen theologischen Widerspruch in Theorie und Praxis 40 Jahre lang bis zum Schluss durchgehalten zu haben, ist das Wunder Gottes", so Meisner. Dieses Zeugnis habe vielen Kindern, Jugendlichen und Familien, die sich gegen Jugendweihe und FDJ-Mitgliedschaft entschieden hätten, Karriere und Aufstieg gekostet.
Entschieden weist der Kardinal die Behauptung zurück, dass die katholische Kirche "zu introvertiert gewesen" sei. "Das Gegenteil ist der Fall", so der Erzbischof. Für die kleine Zahl von Katholiken in der DDR sei damals ihr sozial-karitatives Engagement überdimensional groß gewesen: "Die ganze Pastoral war darauf ausgerichtet, dass sich die Christen in ihre berufliche Umwelt einzubringen haben, ohne falsche Kompromisse dabei zu schließen". Was hier einzelne Christen aller Generationen "oft in Namenlosigkeit und Einsamkeit" und auf unspektakuläre Weise durchgestanden und damit für die Gesellschaft positiv getan hätten, "das wird hoffentlich bald geschrieben und dokumentiert werden", so Meisner.
Stern von Bethlehem statt Sowjetsterne
Weiter erinnert der Erzbischof an seine Predigt im Juli 1987 beim Dresdner Katholikentag. Angesichts der Sowjetsterne auf vielen öffentlichen Gebäuden der DDR habe er damals gesagt, dass die Katholiken "keinem anderen Stern folgen als dem von Bethlehem" Der ungeheure Beifall der 100.000 Teilnehmer habe zu entsprechenden Reaktionen der staatlichen Stellen geführt. Der erste Dresdner Oberbürgermeister nach der Wende, Herbert Wagner, habe das Katholikentreffen von 1987 denn auch als "große Ermunterung aus dem kirchlichen Raum" bezeichnet, auf die Straßen und Plätze zu treten.
Die katholische Kirche habe sich nicht als "Kirche im Sozialismus definieren" können, schreibt Meisner. Aus ihrem Selbstverständnis heraus habe sie auch nicht wie die evangelischen Kirchen organisatorische Konsequenzen aus der Gründung der DDR ziehen müssen: "Die Staatsgrenzen der DDR waren nie katholische Kirchengrenzen". Das völlige Ausbleiben von Bischöfen oder eine gelegentliche Repräsentanz durch untergeordnete kirchliche Vertreter bei politischen Großveranstaltungen sei stets "als Relativierung des Systems" empfunden worden. Diplomatische Vertreter in Ostberlin hätten diesen "Kurs des Nicht-Mitmachens" und den "lebendigen Protest gegen das ganze System" bewundert.
Meisner war von 1980 bis 1988 Bischof von Berlin. Den Vorsitz der Berliner Bischofskonferenz übernahm er 1982. Im Februar 1989 wechselte der Kardinal nach Köln.






