In ihrer unbedingten Gewaltlosigkeit lag laut van Luyn das alle Dissidentenbewegungen einende Hauptmerkmal. Neben dem Ruf nach Solidarität als "tätiger Nächstenliebe" wurde diese Gewaltlosigkeit zum "Markenzeichen" der "samtenen Revolution", erinnerte der ComECE-Präsident. Angesichts einer breiten "Ernüchterung", die 20 Jahre nach der "Wende" in vielen Ländern Einzug gehalten habe, müsse man sich gerade aus christlicher Sicht nun die Frage stellen, welche Verpflichtungen aus dem "Erbe des Jahres 1989" erwachsen.
Europa als "spirituelles Projekt"
Eine zentrale Aufgabe bestehe etwa darin, den europäischen Einigungsprozess nach 1989 nicht schlicht als "Ost-Erweiterung" der Europäischen Union zu verstehen, sondern als umfassendes Friedensprojekts, das "eine gerechtere Gesellschaft für alle" zum Ziel habe. "Diese Dimension des Jahres 1989 wurde und wird bis heute nicht ausreichend gewürdigt", so van Luyn. Die ComECE habe diese Herausforderung in ihrem 2005 publizierten Text "Das Werden der Europäischen Union und die Verantwortung der Katholiken" deutlich benannt und die Fortentwicklung der EU als ein "spirituelles Projekt" bezeichnet.
In diesem Zusammenhang wies van Luyn ausdrücklich darauf hin, dass das Engagement der Kirchen im europäischen Einigungsprozess "nicht die Restauration eines 'christlichen Europa' zum Ziel hat, sondern eine glaubwürdige und allgemein verständliche Verkündigung des Evangeliums". Dabei nehmen die Kirchen eine "Haltung des Dialogs" und der Offenheit ein und konzentrieren sich auf das "Doppelgebot" der Gottes- und Nächstenliebe.
Die Aufgabe der Kirchen im zusammenwachsenden Europa bestehe außerdem darin, "Metapolitik" im Sinne eines Verweises auf die vorpolitischen Ressourcen moderner Gesellschaften zu betreiben. Im Zentrum dieses Engagements müsse das Eintreten für die "unteilbare und unverfügbare Würde der menschlichen Person" stehen, so van Luyn. Es sei gerade dieses "metapolitische Engagement", das die Menschen von der Kirche erwarten, da sie so jenseits der politischen Pragmatik die Fragen nach dem "Wozu" und dem "Warum" in Erinnerung rufen könne.
"Der Mensch als Ganzer und das Gemeinwohl müssen das Ziel der Politik sein", erinnerte van Luyn. Wo politisches Handeln dieses Ziel nicht mehr im Auge habe, drohe der Politik "der Verlust ihrer transzendenten Anbindung".
"Haben wir ein vereintes Europa?"
In der anschließenden Diskussion reflektierten die Moskauer Historikerin Irina Scherbakowa, der orthodoxe rumänische Theologe Radu Preda sowie der Präsident der Caritas der griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine, Andrij Waskowycz, die Situation im post-kommunistischen Russland, Rumänien sowie in der Ukraine. In Russland fehle jegliches Gefühl einer Zugehörigkeit zu Europa, meinte Irina Scherbakowa. Auch habe die Zeit seit der "Wende" zu keiner intensiven Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit geführt, sodass heute gerade unter Jugendlichen eine neue Glorifizierung etwa Stalins festzustellen sei. Die Historikerin meinte auch, die orthodoxe Kirche suche eine zu starke Nähe zum Staat.
In der Ukraine kommt dem Christentum laut Waskowycz eine wichtige Rolle zu, da das Land derzeit einem "führungslosen Schiff" gleiche. Ein großer Teil der Parlamentarier gehöre einer gänzlich von der Bevölkerung abgewandt lebenden ökonomischen Elite an, so Waskowycz, hier stehe eine Ablösung der aus kommunistischer Zeit stammenden Verflechtungen noch aus.
In Rumänien genieße die Kirche einen hohen Stellenwert und das Vertrauen des Menschen, so Preda, da "alle sinngebenden Staatsformen versagt haben". Bedauerlich sei laut Preda, dass es in den Ländern des ehemaligen Ostblocks keine gemeinsame Erinnerungskultur gebe. Eigentlich müsse die Last des Stalinismus die Länder Ostmittel- und Osteuropas zu "Schicksalsgenossen" machen, doch stehe ein Dialog über eine solche gemeinsame Erinnerungskultur weiter aus.






