Die Delegierten waren am Freitagvormittag im Stephansdom und den umliegenden Kirchengebäuden zu Gesprächsrunden zusammengekommen. Unter dem Titel "Was hindert mich heute zu verkünden - was macht mich schweigsam" diskutierten sie in insgesamt 48 Einzelgruppen u.a. Fragen von "Liturgie und Gottesbild", die "Zukunft der Pfarrgemeinden", die Bedeutung der Nächstenliebe für den Glauben, das Thema "Berufung", aber auch "Kirche als Gewissen der Gesellschaft". Am Nachmittag wurden die Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen im Plenum im Stephansdom präsentiert. Kardinal Christoph Schönborn und Generalvikar Franz Schuster waren dabei aufmerksame Zuhörer.
Zur Sprache kamen im Plenum auch die üblichen "heißen Eisen" wie Zugangsbedingungen zum Priestertum, die Frage der "viri probati" (der Priesterweihe für bewährte verheiratete Männer) oder neue Leitungsmodelle für Pfarrgemeinden. Mit Applaus wurde etwa die Wortmeldung eines Delegierten bedacht, der dazu aufforderte, angesichts des zunehmenden Priestermangels zur Unterstützung der Pfarrer Männer und Frauen für die Gemeindeleitung auszubilden. Es dürfe in der Kirche keine Angst vor strukturellen Veränderungen geben, ein "Verwalten der Not" allein reiche nicht aus.
Weitere Blitzlichter aus den Arbeitsgruppen widmeten sich u.a. dem Umgang der Kirche mit "wiederverheirateten Geschiedenen". "Es wird immer wichtiger, wie wir mit Menschen umgehen, die Brüche in ihren Biografien haben", sagte eine der Delegierten im Stephansdom. Es brauche in diesen Bereichen mehr Mut der Bischöfe, die Meinungen an der "Kirchenbasis" in Rom zu vertreten, appellierte eine Delegierte.
Grundsätzlich stehe die Debatte um Fragen der Kirchenstruktur oft vor der Gottesfrage, wurde kritisiert. Damit einher gehe eine weit verbreitete Scheu unter Katholiken, über ihren Glauben öffentlich zu sprechen. Viele seien "müde geworden", die Kirche in der Öffentlichkeit immer wieder positiv verteidigen zu müssen. Dies sei ein umso größeres Problem, weil das Wissen über Kirche und Glaube selbst in katholischen Kernschichten stark abgenommen habe.
Trotz der zahlreichen Probleme dürften aber die Hoffnungszeichen nicht vergessen werden, betonten die Delegierten bei der Präsentation der Ergebisse aus den Gespächsgruppen. Gemeinsames Ziel sei es, die Erfahrungen von Gemeinschaft in der Kirche und die eigenen Erfahrungen von Gottesliebe und Nächstenliebe in die Gesellschaft einzubringen, hieß es. Man wolle den Menschen den "Schatz des Glaubens" vermitteln, die Kirche solle ein "Leuchtturm der Orientierung" inmitten der Gesellschaft sein.
Notwendig sei auch eine Änderung bei der "Sprache" der Kirche, gerade auch, um mit Kindern und Jugendlichen wieder stärker in Kontakt zu kommen. "Die Kirche muss eine Sprache finden, die alle verstehen", hieß es.
Weitere Themen, die von den Delegierten angesprochen wurden, waren die Verantwortung für die Schöpfung, der Umgang mit behinderten Menschen in der Kirche oder fehlende pastorale Konzepte für arbeitslose Menschen. Aber auch die Verbundenheit mit Papst und Weltkirche kamen zur Sprache.
Kardinal Schönborn und Generalvikar Schuster betonten, dass sie die in vielfältiger Weise geäußerten Sorgen um die Zukunft der Pfarrgemeinden sehr bewege. Der Wiener Erzbischof betonte zudem, dass es ihn mit Sorge erfülle, wie die Caritas gegenüer anderen kirchlichen Bereichen oft als nachgeordnet empfunden werde. Angesichts der zunehmenden Not im Land werde das soziale Engagement für die christlichen Gemeinden aber eine der ganz großen Herausforderungen für die Zukunft sein.
Die Ergebnisse der Gesprächsgruppen sind bis zum Ende der 1. Diözesanversammlung auf Plakaten im Informationszelt auf dem Stephansplatz sichtbar. Ab Anfang November können sie auch über die Website www.apg2010.at eingesehen werden. Es wird dann auch noch die Möglichkeit geben, sich online am Diskussionsprozess weiter zu beteiligen.
Über den Sendungsauftrag der Christen referierten im Anschluss an das Plenum die Wiener Pastoraltheologin Regina Polak und der deutsche evangelische Pastor Eckard Krause in einem Dialogvortrag. Keine Kirchenleitung könne einer Gemeinde verordnen, missionarisch zu sein, so Krause, denn: "Missionarisch sein ist Ausdruck einer Glaubens- und Lebenshaltung, einer ganz bestimmten Frömmigkeit, die etwas mit meinem Gottesbild, mit meinem Selbstverständnis als Christ, mit meinem Menschenbild und meinem Verständnis von Kirche und Gemeinde zu tun hat".
Polak ortete ein zunehmend antikirchliches Klima in der Gesellschaft, das die Kirche als Minderheit vor große Herausforderungen stelle. Umso notwendiger sei ein innerkirchliches "angstfreies und fehlerermöglichendes Klima". Sie rief die Delegierten dazu auf, Gott in den Mitmenschen, etwa in Migranten oder spirituell Suchenden, zu sehen.
Eckard Krause betonte, dass die Christen dringend ein neues Selbstverständnis bräuchten. Die Erkenntnis "Gott ist für mich da" müsse ergänzt werden durch die Erkenntnis "Gott braucht mich". Polak sprach in diesem Zusammenhang von der "Mitgestalterschaft" des Menschen mit Gott und forderte einen stärkeren Einsatz für gerechte Strukturen in der Gesellschaft.
Die Pastoraltheologin plädierte weiterhin für einen "Aufbruch nach innen" und einen "Aufbruch nach außen". Dabei gehe es immer wieder um die Frage nach der spirituellen, strukturellen und politischen Ausrichtung der Kirche, damit diese ihren Dienst an einer sich ständig verändernden Welt angemessen wahrnehmen könne.






