Pressekommentare zur ersten Delegiertenversammlung der Erzdiözese Wien im Rahmen des Prozesse "Apostelgeschichte 2010"
Mit der Einberufung der ersten Delegiertenversammlung der Erzdiözese Wien - der ersten von drei im Rahmen des Prozesses "Apostelgeschichte 2010" - hat der Wiener Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn - Mut bewiesen. Zu dieser Einschätzung kommt Dietmar Neuwirth in einem Kommentar in der Wiener Tageszeitung "Die Presse" (23. Oktober).
Es sei "fast nur noch mit Übermut zu erklären, wenn in einer Stadt wie Wien ohne erkennbare äußere Not zu einer Diözesanversammlung zusammengerufen wird" und jeder Pfarre und jeder einigermaßen relevanten katholischen Organisation das Recht zugestanden werde, drei Personen dorthin zu delegieren. Zudem sei bei der Versammlung selbst - zwar in zeitlich sehr engen Grenzen, aber immerhin - freie Diskussionen zugelassen gewesen.
Die Themen, die - so Neuwirth - "viele der treuesten Katholiken bewegen", seien seit mittlerweile Jahrzehnten bekannt und kamen bei der Versammlung auch zur Sprache: Zugangsbedingungen zum Priestertum, die Frage der "viri probati" (der Priesterweihe für bewährte verheiratete Männer), neue Leitungsmodelle für Pfarrgemeinden, Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen. Die Anliegen kenne nicht nur der Wiener Erzbischof, sondern auch Rom.
"Es gibt kein Zurück"
Das Wiener "Konzil" habe zwar das unbestreitbare Manko gehabt, eine Versammlung ohne jede Entscheidungskompetenz zu sein, "aber es kann als weiterer kleiner Stein gesehen werden, der das große Ganze irgendwann einmal doch in Bewegung setzen wird", so der Kommentar. Denn es gebe "kein Zurück hinter das Zweite Vatikanische Konzil, kein Zurück hinter die zuletzt fast verstummten theologischen Debatten und die Schlussfolgerungen daraus, kein Zurück hinter das Verständnis einer großen Mehrheit der Kirchenbesucher darüber, wie sie das Evangelium in den Jahren 2009 ff. buchstabieren".
Die Erkenntnis, dass die offizielle Kirchenlehre von immer weniger verstanden wird, ist "wirklich nicht neu", aber dennoch richtig. Längst habe sich "parallel dazu, ohne lange irgendwo nachzufragen, eine inoffizielle Kirchenlehre der kleinen Pfarrer, der Kapläne und der größer werdenden Zahl von Laien als Pastoralassistenten entwickelt". Diese "inoffizielle Kirchenlehre ist vieles, vor allem leichter praktikabel und kommunizierbar, aber teilweise mit dem, was Rom sagt, nicht einmal mehr unter den größten intellektuellen Verrenkungen und selbst bei bestem Willen nicht in Einklang zu bringen", hält Neuwirth fest. Diese inoffizielle Kirchenlehre werde von Bischöfen "durch fortgesetztes angestrengtes Wegschauen mehr oder weniger geduldet und dadurch positiv sanktioniert.
Reformen seien daher unter diesen Rahmenbedingungen "unausweichlich geworden". Neuwirth: "Mit Sicherheit ahnt das zumindest auch Papst Benedikt XVI. und wissen es viele der Kardinäle." Noch fehle ihnen aber "der Mut zum Vorwärtsgehen", so der Kommentar. Nicht zuletzt auch um der Glaubwürdigkeit der Institution willen müsse früher oder später die offizielle Kirchenlehre an die inoffizielle angeglichen werden. "Geschichtlich betrachtet war die katholische Kirche nie nur das, als was sie heute wahrgenommen wird: eine der jeweiligen Zeit feindlich gegenüberstehende, völlig unbewegliche Verteidigungsbastion ewig gültiger letzter Wahrheiten", schrieb Neuwirth.
All diesen Diskussionen habe sich Kardinal Schönborn bei der Delegiertenversammlung in seiner Bischofskirche erneut ausgesetzt. "Ein mutiges Unterfangen. Aber: Gilt Tapferkeit nicht als eine der Kardinaltugenden?", so der "Presse"-Kommentar.
"Professionelles Motivationsseminar"
In heutiger Wirtschaftssprache würde man die Delegiertenversammlung als "professionelles Motivationsseminar in gehobener Atmosphäre" bezeichnen, schrieb Stephan Baier in der Würzburger "Tagespost" (27. Oktober). Die Mitarbeiter "konnten Dampf ablassen" und seien "von einer geschickten Regie neu auf die Corporate Identity des Unternehmens eingeschworen" worden.
Kardinal Schönborn habe allerdings stets darauf verwiesen, "wer der Chef der Firma Kirche ist: Jesus Christus". Sich noch deutlicher an ihm auszurichten, sei das Ziel gewesen. "Atmosphärisch hat es funktioniert: Wer die drei Tage im erlebte, konnte lächelnd aus dem Schützengraben innerkirchlicher Scharmützel heraussteigen. Der Blick wurde mutig nach oben, nach vorne und nach außen gerichtet", hielt Baier fest. In einer kirchenfernen, aber sehnsüchtigen Gesellschaft neu die Netze auszuwerfen, gelinge "nicht mit binnenkirchlichen Macht- und Detailfragen, aber mit der Botschaft Jesu Christi". Diese Botschaft sei angekommen, so der Kommentar.
Allerdings versinke die Euphorie des Augenblicks oft im Frust des Alltags. Geplant sei daher nun eine "Missionswoche", in der alle Pfarren und alle diözesanen Einrichtungen je ein missionarisches Projekt durchführen. Dabei sei es eher sekundär, ob durch die Aktion die Zahl der Getauften und der Kirchenbeitragszahler wächst. "In erster Linie dient die Mission bekanntlich der Bekehrung der Missionare", so Baiers Resumee.






