Wien, 12.03.2010 (KAP) Einen "Weckruf" an die Pfarren und Gemeinden zu einem neuen "pfingstlichen Aufbruch" bildeten am Freitagvormittag die persönlichen Zeugnisse bei der Wiener Diözesanversammlung im Stephansdom. Dabei wurde die Bedeutung der Pfarrgemeinden für die Kirche deutlich. "Kirche lebt in Gemeinden - oder sie wird nicht mehr leben", so der Appell von Pfarrer Wolfgang Picken, der in Bonn aus einer im Niedergang begriffenen Pfarre eine "Gemeinde im Aufbruch" geformt hat. Es gelte, gerade in Zeiten, in denen Strukturen zurückgebaut werden und der Rotstift vorherrsche, "antizyklisch" zu denken und zu investieren. Wichtig sei in diesem Zusammenhang auch ein neues Selbstverständnis: "Raus aus den Sprachspielen der Depression, des Sparens, des Rückbaus und hin zu neuen Visionen", so Picken.
Auch Kardinal Christoph Schönborn hatte schon am Donnerstagnachmittag die Sorge über die Zukunft der Pfarrgemeinden in den Mittelpunkt gestellt. Er erlebe bei seinen vielen Pfarrbesuchen zugleich große Lebendigkeit und große Not, sagte der Wiener Erzbischof: "Bei allen Problemen sind die Pfarrgemeinden meine große Hoffnung, und ich bin überzeugt, dass sie Zukunft haben." Strukturfragen seien allerdings offen.
Der Kardinal kündigte an, dass am 18. September, zusätzlich zum vorgesehenen Programm des Prozesses "Apostelgeschichte 2010", ein eigener Tag ganz der Zukunft der Pfarrgemeinden gewidmet werden soll. Schönborn: "Es gibt keine fertigen schnellen Lösungen, sondern es gilt, an dieser Frage gemeinsam intensiv zu arbeiten."
Kirche gibt "Spirit und Community"
Wie Pfarrer Picken sagte, sei ein Umdenken in der Pastoral gerade auch vor dem Hintergrund notwendig, "dass wir dringend gebraucht werden": Es gebe ein zunehmend spürbarer werdendes "geistiges Vakuum" und eine zunehmende "Vereinzelung" der Menschen. "Spirit und Community" (Geist und Gemeinschaft) lauteten daher die alten und zugleich neuen Schlagworte, so Picken.
Aus einer Handvoll Gemeinden in Bonn mit nur mehr 8.500 Katholiken, denen noch dazu der Rückbau von weiteren kirchlichen Einrichtungen um 50 Prozent drohte, hat Picken in fünf Jahren eine einzige neue Gemeinde geformt und sich mit einer eigens gegründeten "Bürgerstiftung Rheinviertel" intensiv auf den Aufbau eines eigenen sozial-karitativen Netzwerkes konzentriert.
Im Fokus stehen laut Picken der Ausbau der Kindergärten auf mittlerweile sechs katholische Einrichtungen, die Einrichtung von eigenen, an die Kindergärten angeschlossenen Familienzentren, die Schaffung neuer Jugendzentren, die Begleitung von Alten und Sterbenden sowie die Schaffung einer "Bürgergrabstätte", eingerichtet als Urnengrab in einem alten Mausoleum am Rhein und offen für jedermann.
Mittlerweile zähle die Stiftung rund 1.400 Ehrenamtliche, auch die Gottesdienste konnten auf drei Werktagsgottesdienste und fünf Sonntagsgottesdienste in fünf zur Gemeinde zählenden Kirchen ausgebaut werden. Wichtig dabei: Alle Gottesdienste sind zielgruppenspezifisch ausgerichtet, so Picken.
Erfolgreiche Pfarrmission in Kremsmünster
Von einem erfolgreichen Pfarrmissionsprojekt in Kremsmünster berichtete bei der Diözesanversammlung die Pfarrgemeinderats-Obfrau Elisabeth Heinisch. 1998 hat sie in der Gemeinde Kremsmünster unter dem Motto "Zu den Menschen gehen" mit über 60 externen Missionaren "Tage der Mission" durchgeführt. Zunächst sei ihr Skepsis auch aus den eigenen Reihen entgegengeschlagen, berichtete Heinisch, war es doch vielen Menschen zunächst auch "unangenehm und peinlich, von ihrem Glauben zu reden".
Dass das Projekt dennoch zu einem nachhaltigen, bis heute andauernden Erfolg wurde, verdanke sich u.a. der Offenheit, in der Mission verstanden wurde: "Es ist nicht unsere Aufgabe, Menschen 'katholisch zu machen', sondern ihnen offen zu begegnen", so Heinisch. Es gehe daher bis heute darum, "authentische Zeugen des Glaubens" zu sein. Damals geschah dies u. a. durch Gasthausgespräche, Begegnungen an öffentlichen Plätzen, Gesprächsrunden in Schulen und Kindergärten. Seither wurde ein neues Jugendzentrum eingerichtet und rund 200 "Sinnquellenrunden" abgehalten. Heinisch: "Die Menschen sind gekommen - und Kremsmünster hat so etwas wie einen neuen Frühling erlebt."
"Debatte um rechte Haltung in Mission"
Der Berliner Pädagoge und Missionsexperte Markus Gehlen unterstrich in seinem Impulsreferat die Chance zu einer Klärung des kirchlichen Selbstverständnisses, die "neben allem Leiden an und mit der Kirche" in den aktuellen Missbrauchsfällen liege. Die Enthüllungen stellten eine "persönliche Anfrage an meine eigene Solidarität mit der Kirche" dar und zugleich eine Anfrage, "wie ich mich als getaufter Christ in dieser Kirche verstehe", so Gehlen. Die Wiener Diözesanversammlung sei daher als Chance zu begreifen, einen solchen Prozess der Klärung anzustoßen.
Im Kontext des Missionsthemas stellen die Missbrauchsfälle laut Gehlen zugleich die Herausforderung dar, "eine Debatte um die rechte Haltung in der Mission" zu führen. Gehlen wörtlich: "Mission ist gerade nicht Übergrifflichkeit, sie ist gerade nicht Gewaltausübung gegenüber dem Anderen, dem Schwächeren, dem Schutzbefohlenen. Mission ist ihrem Wesen nach Freisetzung von Freiheit, sie ist Angebot und Einladung, die Botschaft von der Barmherzigkeit Gottes anzunehmen und darauf in Freiheit zu antworten."
Gehlen berichtete darüber hinaus von Aufbrüchen in seiner eigenen Heimat, Berlin. Selbst ein dieser 3,4 Millionen Einwohner zählenden Metropole mit nur neun Prozent Katholiken, sieben Prozent Muslimen und weit mehr als die Hälfte der Einwohner ohne religiöses Bekenntnis sei die Frage nach Gott nicht verloschen: "Wir begegnen dieser Frage auf Schritt und Tritt in unserem Alltag", so Gehlen. Wichtig sei dabei die "Absichtslosigkeit" in der Mission: es gehe darum, in alltäglichen Begegnungen ein Zeugnis als Christ zu geben.
Vom Erfolgsprojekt "Offener Himmel" berichtete Wolfgang Müller vom Seelsorgeamt der Erzdiözese Salzburg. In bisher sieben "Kontaktwochen" gelang es laut Müller, durch Gastfreundschaft, Offenheit und zum Teil ungewöhnliche Straßenaktionen wie etwa "gottfreien Zonen" mit Menschen über den Glauben ins Gespräch zu kommen. Müller: "Wir machen uns in den Dekanaten auf den Weg und werden dabei selbst zu Beschenkten."
Persönliche Glaubenszeugnisse
Persönliche Glaubenszeugnisse standen am Donnerstag im Mittelpunkt der Diözesanversammlung. Priester, Pastoralassistenten, Ordensleute und engagierte ehrenamtliche Mitarbeiter berichteten über ihre Erfahrungen in der Kirche und mit den Menschen. So schilderte beispielsweise der Stockerauer Pfarrer Georg Stockert seine zahlreichen Hausbesuche; die Hollabrunner Pastoralassistentin Hermi Scharinger nannte als positives Beispiel Frauengebetsrunden, die ihr viel Kraft gäben.
Kaplan Bernhard Messer wies darauf hin, dass die Beichte nach wie vor von vielen als befreiende Kraft erlebt werde; und die Leiterin der "Plattform für Wiederverheiratete Geschiedene", Karin Mattes-Kiselka, berichtete über ihren persönlichen Lebensweg und wie sie in ihrer Krise auch viel Halt und Unterstützung in ihrer Pfarrgemeinde gefunden hatte.
Der frühere Generalsekretär der Grünen, Lothar Lockl, gebrauchte für die Kirche die Bilder eines Kraftwerks sowie einer Tankstelle. Allerdings würden viele Menschen die Kirche sehr distanziert und erstarrt erleben, so seine Erfahrungen.






