Zweite Wiener Diözesanversammlung ging am Samstag im Stephansdom zu Ende - Aufbruchsstimmung trotz Enttäuschungen
Wien (KAP) Mit dem Bekenntnis zum Voranschreiten auf dem Weg der Erneuerung hin zu einer verstärkt missionarischen Kirche ist die Zweite Wiener Diözesanversammlung am Samstag im Stephansdom zu Ende gegangen. "Mission ist Begegnung, keine Zwangsbeglückung oder Manipulation", sagte Kardinal Schönborn in seinem Schlusswort, das zugleich als "Anfangswort" für die nächsten Schritte des Prozesses "Apostelgeschichte 2010" gedacht war. Es brauche ein waches Herz, "um zu sehen, wo der Herr schon am Werk ist" und um nicht jene Momente zu verpassen, wo die Christen gefordert seien, Glaubenszeugnis zu geben.
Im Plenum am Samstag äußerten zahlreiche Delegierte im Dom offen ihre Hoffnungen und Enttäuschungen. "Mut ist auf jeden Fall gefragt", resümierte der Kärntner Seelsorgeamtsleiter Josef Marketz. Er war wie auch die Wiener evangelische Pfarrerin Gabriele Lang-Czedik als Prozessbeobachter bei der Diözesanversammlung im Einsatz. Lang-Czedik sprach von einer deutlich spürbaren Aufbruchsstimmung in der katholischen Kirche in Wien und "ungeheuer viel Potenzial" in den Pfarren und Gemeinschaften. Beeindruckt zeigte sich die evangelische Pfarrerin darüber, dass sich Kardinal Schönborn und die im Dom versammelten Delegierten durch die zahlreichen Missbrauchsfälle nicht beleidigt zurückzögen, sondern die Opfer in den Mittelpunkt stellten.
Am Freitag berieten die Delegierten zunächst in Kleingruppen über die notwendigen Voraussetzungen für eine gelungene Mission. Im anschließenden Plenum kam deutlich zum Ausdruck, dass der Glaube keine Privatsache sein könne. Glaube brauche Gemeinschaft, brachte es ein Delegierter auf den Punkt. Das authentische Lebenszeugnis sei sowohl für die Gemeinschaft als auch für jeden einzelnen Christen entscheidend.
Ein besonderer Stellenwert komme dabei auch der Caritas-Arbeit zu - als ein Bereich, über den auch viele der Kirche sonst fernstehende Menschen erriecht werden könnten.
Weitere Themen waren u.a. niedrigschwellige Angebote für Fernstehende, konfessionsübergreifende Initiativen oder das Spannungsverhältnis, die Menschen nicht zu vereinnahmen und dennoch herauszufordern. Vielerorts war auch die Meinung zu hören, die aktuelle Krise als Chance für eine Erneuerung der Kirche zu sehen.
Schönborn: "Fernstehende" wertschätzen
Kardinal Schönborn wies in seiner Stellungnahme darauf hin, dass die Kirche "Fernstehende" noch viel stärker wertschätzend in den Blick nehmen müsse. Die Kirche sei hier noch zu sehr auf sich selbst konzentriert.
Konfrontiert wurde der Wiener Erzbischof auch mit seiner Ankündigung von der Ersten Diözesanversammlung, die vorgebrachten Wünsche nach einer Änderung der Zulassungsbedingungen zum Priesteramt in Begegnungen mit anderen Bischöfen zur Sprache zu bringen. Er habe dies auch immer wieder getan, so die Antwort des Kardinals; freilich seien die meisten Bischöfe der Überzeugung, an den derzeit geltenden Richtlinien sei nicht zu rütteln. Der Kardinal rief die Gläubigen auf, über den Tellerrand der Ortskirche hinweg verstärkt auf die Weltkirche zu blicken.
Am Samstag im Plenum sagte Schönborn, dass er damit "keine Türen zuschlagen" habe wollen. Die Kirche stehe weltweit vor großen und oft ähnlichen Problemen. "Wir müssen noch viel mehr aufeinander hören und Erfahrungen austauschen", so Schönborn wörtlich. In den Wiener Pfarrgemeinden gelte es "ein Miteinander von Hirte und Gemeinde zu leben, das von gegenseitiger Wertschätzung geprägt ist". Schönborn rief alle Anwesenden auf, die Priester zu unterstützen, "damit sich ihr Herz nicht verhärtet."
An alle Gläubigen richtete der Wiener Erzbischof den Appell, sich mit dem Glauben intellektuell auseinanderzusetzen: "Wir müssen auskunftsfähiger werden, Rechenschaft abgeben können, wie wir unseren Glauben vernünftig begründen."
Spezifische Situation im ländlichen Bereich
Am Samstag nahmen u.a. auch die Bischofsvikare dazu Stellung, was sie bei der Frage der Mission besonders bewegt. Der für das Vikariat "Unter dem Wienerwald" zuständige Bischofsvikar P. Amadeus Hörschläger wies darauf hin, dass sich für seinen Verantwortungsbereich in den kommenden 20 Jahren dramatische demografische Veränderungen abzeichnen würden. Während die Bezirke und Dekanante rund um Wien einen Bevölkerungsanstieg um bis zu 30 Prozent erleben werden, müssten die südlichen ländlichen Gebiete einen Verlust um zehn Prozent hinnehmen. Es sei für die Pfarren im Wiener Umland eine große Herausforderung, auf die zuziehenden Menschen zuzugehen und eine "offenen und einladende Kirche" zu verwirklichen.
Für den Weinviertler Bischofsvikar Matthias Roch lag die große Herausforderung in neuen Modellen für die Leitung von Pfarrgemeinden und der Zusammenarbeit von ehrenamtlichen und hauptamtlichen Laien sowie Priestern. Im Vikariat "Unter dem Manhartsberg" werden derzeit bereits rund 50 Prozent der oft sehr kleinen Pfarren von Priestern "mitbetreut".
Die Bedeutung der Laien für die Kirche hob in diesem Zusammenhang auch der für die Orden zuständige Bischofsvikar P. Michael Zacherl hervor. Viele Orden könnten aufgrund des Mitgliedermangels ihre Werke nicht mehr selbst fortführen und hätten diese in die Hand der Laien gelegt. - Mit durchwegs positivem Ergebnis, so Zacherl.
Der Wiener Bischofsvikar Karl Rühringer plädierte dafür, sich über die eigenen Pfarrgrenzen hinaus gemeinsam neuen Herausforderungen zu stellen. Beeindruckt zeigte er sich vom Bericht des Bonner Pfarrers Wolfgang Picken, dem es gelungen war, in Bonn aus einer im Niedergang begriffenen Pfarre eine "Gemeinde im Aufbruch" zu formen. Er denke, so Bischofsvikar Rühringer, dass sich von diesem Beispiel auch einiges in Wien verwirklichen lassen könne.
Weihbischof Franz Scharl, der in der Erzdiözese Wien u.a. auch für die anderssprachigen Gemeinden zuständig ist, sprach sich dafür aus, diese Gemeinden noch viel stärker in die Kirche von Wien zu integrieren. Beide Seiten müssten hier Schritte setzen, so Scharl.
Konkrete Missionsprojekte
Der Freitagabend der Diözesanversammlung war Workshops zu konkreten Missionsprojekten gewidmet. Dabei reichte die Palette von Hausbesuchen und Glaubensgespräche über Straßen- und Frühstücksaktionen bis zu Talkrunden in Cafes, Abenden der Barmherzigkeit und sozialen Aktivitäten für "Arme" und Randgruppen.
Diese Workshops dienten bereits als konkrete Vorbereitung für den nächsten Schritt der "Apostelgeschichte 2010": die große "Missionswoche", die am Pfingstmontag, 24. Mai, beginnen wird. Jede Pfarre, Gemeinschaft und kirchliche Einrichtung ist bei der "Missionswoche" eingeladen, ein selbst entwickeltes Missionsprojekt umzusetzen. In die 3. Diözesanversammlung - sie ist vom 14. bis 16. Oktober 2010 angesetzt - sollen dann bereits die Erfahrungen aus den neuen Missionsprojekten einfließen.
Zuvor wird es aber noch am Samstag, 18. September, zusätzlich zum vorgesehenen Programm des Prozesses "Apostelgeschichte 2010", einen eigenen Tag geben, der ganz der Zukunft der Pfarrgemeinden gewidmet werden soll.






