Wien (KAP) Ein gemeinsames Zeichen gegen Armut und soziale Ausgrenzung in Europa im Zusammenhang mit der "Zero Poverty"-Kampagne der Caritas haben am Sonntag Bischöfe in vielen Ländern gesetzt. Papst Benedikt XVI. ging mit einem Besuch in Roms "Citta della Carita" voran; in Wien war Kardinal Christoph Schönborn gemeinsam mit Caritasdirektor Msgr. Michael Landau im Caritas-Obdachlosenzentrum "Gruft" im 6. Bezirk zu Gast.
Kardinal Schönborn betonte anlässlich seines Besuchs in dem Caritas-Zentrum: "Die Wirtschaftskrise hat arme Menschen am stärksten getroffen. Bei den Budgetverhandlungen der kommenden Monate darf ein Sparpaket nicht auf Kosten der Schwächsten ausverhandelt werden. Im 'Europäischen Jahr gegen Armut und soziale Ausgrenzung' müssen Armutsvermeidung und Armutsbekämpfung auch in unserem Land Prioritäten sein."
Auf die Frage von Journalisten, warum zu befürchten sei, dass ein "Sparpaket auf Kosten der Schwächsten" drohe, verwies der Kardinal auf die aktuellen Rahmenbedingungen. Die sozialen Netze würden schwächer, die Schulden der öffentlichen Hand immer größer. "Es besteht die Gefahr, dass im Sozialbereich gespart werden könnte, weil die Betroffen sich weniger wehren können."
Deswegen stehe die Kirche auf der Seite jener, die von Armut gefährdet seien. "Wir müssen wachsam bleiben, dass Österreich eines der sozialsten Länder bleibt." Noch sei hierzulande soziale Gerechtigkeit in einem hohen Maß verwirklicht, betonte der Wiener Erzbischof.
"Sozialstaat kein Auslaufmodell"
Msgr. Landau hob den Wert des gemeinsamen Zeichens des Papstes und vieler Bischöfe am heutigen Tag in vielen europäischen Ländern hervor. Es gehe um ein Signal, dass "Armut eine Realität in Europa ist". Durch den Besuch in karitativen Initiativen wie der "Gruft" werde deutlich, dass "wir etwas ändern können, wenn wir es wollen".
Angesichts der Wirtschaftskrise dürfe man nicht auf die Ärmsten vergessen. In dieser Krise hätte sich auch gezeigt, "dass unser Sozialstaat kein Auslaufmodell ist", meinte Landau.
Für die Bekämpfung der Armut sollte die EU - so wie in der Wirtschaftspolitik - präzise Prioritäten setzen. Wünschenswert seien "Maastricht-Kriterien gegen Armut" wie beispielsweise die "Halbierung der Kinderarmut in Europa".
Im Hinblick auf den Besuch in der "Gruft" sagte Landau, dass Obdachlosigkeit nur die sichtbare Spitze des Eisbergs ist. Armut könne auch in Österreich jeden treffen. Besonders armutsgefährdet seien Alleinerzieherinnen, kinderreiche Familien, kranke und ältere Menschen, Langzeitarbeitslose sowie Zuwanderer.
"Ursprünglich bloß Schmalzbrot-Ausgabe"
Rund eine Million Menschen leben in Österreich laut "Statistik Austria" trotz des vergleichsweise gut ausgebauten Sozialstaates unter der Armutsgrenze. Allein in Wien sind das 280.000 Menschen.
Seit mehr als 20 Jahren bietet die "Gruft" Menschen, die auf der Straße stehen, einen sicheren Zufluchtsort und vor allem menschliche Wärme - 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Unter den Räumen der Mariahilfer Kirche können sich Hilfsbedürftige rund um die Uhr aufhalten, essen, duschen, schlafen, ihre Wäsche waschen; sie werden medizinisch und sozial versorgt.
Martina Pint, die Leiterin der "Gruft", wies auf die deutlich gestiegene Nachfrage nach Hilfe hin: "Ursprünglich begann man damit, an zwei Stunden pro Tag Schmalzbrote und Tee auszugeben, inzwischen ist die 'Gruft' rund um die Uhr für Hilfesuchende in Betrieb." Zwei Tendenzen seien festzustellen: "Der Altersdurchschnitte der Hilfsbedürftigen sinkt immer mehr und liegt jetzt bei 43 Jahren; die Nachfrage nach Hilfe steigt enorm."
2009 wurden insgesamt 82.690 Mahlzeiten an Bedürftige ausgegeben, 2001 waren es erst 58.500 gewesen. Auch bei den Nächtigungszahlen gab es einen Anstieg: Suchten vor zwei Jahren 24.038 Obdachlose einen schützenden Schlafplatz, waren es im Vorjahr bereits 25.978.
Anlass für die Besuche des Papstes und der Bischöfe in Sozialeinrichtungen ist die Kampagne "Zero Poverty" (http://www.zeropoverty.org), mit der sich die Caritas am "Europäischen Jahr gegen Armut und soziale Ausgrenzung" beteiligt. Das "Europäische Jahr gegen Armut und soziale Ausgrenzung" wird auch das Zentralthema der Vollversammlung der "Kommission der Bischofskonferenzen des EU-Raumes" (ComECE) im April sein. Der Vorsitzende der ComECE, Bischof Adrianus van Luyn (Rotterdam), und der Präsident von "Caritas Europa", P. Erny Gillen, hatten alle europäischen Bischöfe eingeladen, den 14. Februar zu einem symbolischen Tag des "Dienstes an den Armen" zu machen. Nach Angaben von "Eurostat" sind in der Europäischen Union 85 Millionen Menschen von Armut betroffen.
Graz: Kapellari mit Küberl bei Suppenausgabe
Der Grazer Diözesanbischof und Österreich-Vertreter in der ComECE, Egon Kapellari, betonte bei einem Besuch des Caritas-Tagessozialzentrums "Marienstüberl" in der steirischen Landeshauptstadt, die Besuche an diesem Sonntag seien "ein gemeinsames Zeichen des Papstes in Rom und der Bischöfe in Europa". Es gehe ihnen um die Probleme von Menschen, die am Rande stünden und für die Armut die Lebenswirklichkeit sei.
Die Kirche begleite auch diese Menschen, denen es nicht gut gehe. "Sie steht an ihrer Seite", so Kapellari.
Caritas-Präsident Franz Küberl und Bischof Kapellari halfen im "Marienstüberl" beim Austeilen der Suppe für die Besucher des Tageszentrums. Wie Küberl berichtete, würden pro Tag ca. 200 Menschen betreut. Sie kämen zu Mahlzeiten, Dusche oder zum Gespräch.






