Wien (KAP, 18. Februar 2000) Die Kardinäle Franz König und Christoph Schönborn haben am Samstag in einer gemeinsamen Erklärung zur aktuellen Situation in Österreich Stellung genommen. Die Erklärung hat folgenden Wortlaut: "In diesen Tagen und Wochen geht unser Heimatland Österreich durch eine Zeit großer innerer undäußerer Prüfungen. Dabei finden sich Christen auf allen Seiten des demokratischen Spektrums. Mit tiefer Betroffenheit erleben wir die bitteren Folgen manch unverantwortlicher Wortmeldung der vergangenen Monate und Jahre. Bisher nie gekannte politische Klüfte sind aufgebrochen. Argwohn greift um sich - unddas Fundament stabiler Gemeinsamkeit, das unsere Republik in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Hort der Gerechtigkeit, Mitmenschlichkeit und des Wohlstands gemacht hat, droht kleiner zu werden. Angesichts dieser Entwicklung wächst auch die internationale Betroffenheit und Kritik. Nach wie vor aber hoffen und beten viele Freunde Österreichs, daß wir imstande sein werden, diese Bewährungsprobe für unser Land erfolgreich zu bewältigen. In dieser Stunde läßt uns eine doppelte Sorge gemeinsam das Wort ergreifen: Wir sind in Sorge um das Miteinander in Österreich. Wir sorgen uns aber auch, daß die Auseinandersetzungen um Österreich den Weiterbau des europäischen Hauses gefährden könnten. Hier wie dort sind Gräben in einer Tiefe sichtbar geworden, die für überwunden galt. Es ist nicht Sache der Kirche, in die Tagespolitik einzugreifen oder die politische Willensbildung zu kommentieren. Wohl aber muß die Kirche daran erinnern, daß der Mensch in seiner persönlichen Würde unbedingt Vorrang haben muß vor allen politischen und weltanschaulichen Interessen. Alles, was diemenschliche Würde verletzt, ist abzulehnen. Hier haben die politisch Verantwortlichen und jeder Bürgerdieselben Rechte und dieselben Pflichten. Der große Irrtum der Ideologien des 20. Jahrhunderts, den konkreten Menschen geringer zu achten als ideologische Systeme, darf sich nie mehr wiederholen. In den vergangenen Wochen sind zu viele harte, unüberlegte Worte gefallen. Der Riß durch unser Land ist größer geworden. Gerade in solchen Stunden ist das Gespräch notwendiger denn je - und mit ihm der Verzicht auf Verdächtigungen und Unterstellungen. Vergessen wir nie: Die überwältigende Mehrheit derÖsterreicher ist demokratisch gesinnt und hofft darauf, daß auch im härtesten politischen Streit - auch überall dort, wo jetzt Gleichgesinnte öffentlich für ihre Haltung eintreten - der Blick für das Gemeinwohl nicht verlorengeht. Gerade die Älteren unter uns wissen, wohin Unversöhnlichkeit führen kann - und wie rasch aus vergifteten Worten vergiftete Taten werden. Wir bitten daher alle unsere Landsleute, aber auch unsere Freunde in Europa und der Welt gerade jetzt in Worten und Taten besondere Behutsamkeit walten zu lassen. Wir Österreicher müssen auch die Sorgen unserer Freunde, Nachbarn und Partner ernst nehmen - im Wissen um die bittere Last der Geschichte, der sich unser Land nicht entziehen kann und darf. Dort, wo Schlimmes geschehen ist, muß es gemeinsam getragen werden. Dort, wo das Bild Österreichs nicht der Wirklichkeit entspricht, sollte es gemeinsam richtiggestellt werden. Die Bürger dieses Landes sind - mit Ausnahme weniger Randgruppen - keine Rassisten und Fremdenfeinde. Der Respekt vor den Menschenrechten und die Hilfsbereitschaft gegenüber Menschen in Not sind in Österreich tief verwurzelt. So bitter die jüngsten internationen Reaktionen für viele von uns auch sein mögen, sie zeigen doch eine Entwicklung, die auch Hoffnung machen kann: In einer Welt, die zunehmend ihre alten Trennungen undBegrenzungen überwindet, haben alle Formen von Nationalismus, Rassismus und Ausgrenzung keinen Platz mehr. In dieser zunehmend grenzen-losen Welt kann aber auch ein kleines Land nicht isoliert werden, dessen Bürger von ihrem demokratischen Recht Gebrauch machen - und das auch in den vergangenen Wochen und Monaten den Boden des Rechtsstaates nicht verlassen hat. Die Notwendigkeit des offenen und geduldigen Gesprächs, das immer aus Reden und Zuhören besteht, gilt nicht nur in Österreich selbst, sondern ebenso zwischen Österreich und den anderen Nationen. Die Kirche ist bereit, ihren Beitrag zu leisten - in ihrer bleibenden Verpflichtung gegenüber Christus, derdie "trennende Wand der Feindschaft" zwischen den Menschen niedergerissen hat. Und in ihrer festen Überzeugung, daß die Kräfte der Versöhnung stärker sind als Zwietracht, Unversöhnlichkeit und Streit".
Gemeinsame Erklärung der beiden Kardinäle zur aktuellen Situation in Österreich - "Angesichts des Risses durch unser Land ist das Gespräch notwendiger denn je" - "Österreicher sind keine Rassisten und Fremdenfeinde" - "Last der Geschichte ernstnehmen"
König und Schönborn: Aufruf zu "Behutsamkeit" in Worten und Taten






