In ihrer Erklärung zum Gedenkjahr 1938 nennen die Bischöfe neun prophetische Stimmen aus den Reihen der Kirche. Es handelt sich um Franz Jägerstätter, Irene Harand, Dietrich von Hildebrand, P. Cyril Fischer, Sr. Restituta Kafka, Otto Neururer, Carl Lampert, P. Franz Reinisch und Hans Karl Zessner-Spitzenberg
Wien, 7.3.08 (katholisch.at) Die Erklärung der Österreichischen Bischöfe zu 1938 erwähnt neun prophetische Stimmen aus der Kirche Österreichs, die sich mit bewundernswerter Klarheit und ungeheurem Mut der allgemeinen Verblendung jener Zeit widersetzt hatten. Es handelt sich um Franz Jägerstätter, Irene Harand, Dietrich von Hildebrand, P. Cyril Fischer, Sr. Restituta Kafka, Otto Neururer, Carl Lampert, P. Franz Reinisch und Hans Karl Zessner-Spitzenberg.
Der oberösterreichische Kriegsdienstverweiger Franz Jägerstätter (1907-43) wurde am Nationalfeiertag 2007 im Linzer Mariendom seliggesprochen. Jägerstätter war bereits vor dem März 1938 ein entschiedener "Anschluss"-Gegner. So war er im April 1938, bei der berüchtigen "Anschluss"-Volksabstimmung, der einzige Wahlberechtigte seiner Heimatgemeindemit, der mit "Nein" stimmte.
Die Wienerin Irene Harand (1900-756) bekämpfte bereits in den dreißiger Jahren aus christlicher Motivation den "Betrug des Antisemitismus". 1933 gründete sie zusammen mit dem 1940 im KZ Sachsenhausen ermordeten Anwalt und Politiker Moriz Zalman die "Harand-Bewegung" als "Weltbewegung gegen Rassenhass und Menschennot". International bekannt wurde Irene Harand durch ihr Buch "Sein Kampf - Antwort an Hitler" (1935). Sie entlarvte darin den Mythos von einer "jüdischen Rasse". 1938 floh Harand nach New York. Tausende jüdische Österreicher verdankten ihr die Möglichkeit zur Emigration in die USA. Irene Harand war Mitbegründerin des "Free Austrian Movement". 1969 wurde Harand als "Gerechte unter den Völkern" von der israelischen "Yad Vashem"-Gedenkstätte geehrt.
Dietrich von Hildebrand (1889-1977) hatte eine wichtige Rolle als kompromissloser geistiger Gegenspieler des Nationalsozialismus in der "Weimarer Republik". So trat er schon in den 20er Jahren radikal sowohl gegen Hitler und den Nationalsozialismus als auch gegen den bis in kirchliche Kreise weit verbreiteten Antisemitismus auf. Bereits 1922 beim ersten Putschversuch Hitlers nur knapp dem Tod entgangen, war er einem zunehmenden Gesinnungsterror ausgesetzt. 1933 flüchtete er nach Österreich. Durch den "Anschluss" von den Nationalsozialisten eingeholt, floh er 1938 über die Schweiz und Frankreich nach Amerika, wo er als Philosophieprofessor lehrte. Hildebrand starb 1977 und hinterließ ein reiches philosophisches Schaffen, in dem er sich vorwiegend mit Fragen der Ethik, Ästhetik und Moral beschäftigte.
P. Cyrill Fischer (1892-1945) der aus Oberösterreich stammte, aber nach dem Ersten Weltkrieg nach Wien kam, war schon in den späten zwanziger Jahren über das immer stärkere Auftreten der Nationalsozialisten besorgt. Er war Mitglied des Franziskanerordens. In ziviler Kleidung besuchte er Veranstaltungen der Nationalsozialisten. Im Frühjahr 1932 erschienen im Wiener Verlag "Gsur & Co." zwei Schriften Fischers, die am Beginn einer kompromisslos verfolgten Anti-NS-Linie der Edition standen. In seinen Schriften von 1932 bündelte der Ordensmann seine Erkenntnisse. Den NS-Entwurf eines "positiven Christentums" entlarvte er als "Rassenaberglauben", der sich abschnittsweise einer christlichen Terminologie bediente. Innerhalb eines halben Jahres konnten fast 15.000 Stück abgesetzt werden. Fischers Broschüren lösten den Hass der Nazis aus. In Hunderten Briefen wurde der Pater mit dem Tod bedroht. Sein Name stand auf der berühmten Suchliste der Gestapo, mit der der SS-Capo Heinrich Himmler am 12. März 1938 am Flughafen Wien-Aspern angekommen war. Deshalb verbrannte Fischer noch am selben Tag sämtliche Unterlagen, die ihn und seine Informanten hätten verraten können. Tags darauf standen Gestapo-Leute in P. Fischers Zelle im zweiten Stock des Wiener Franziskanerklosters. Doch Fischer war bereits auf der Flucht. Bei Frauenkirchen im Burgenland überquerte er die ungarische Grenze, gelangte nach Budapest und dann in die USA. Hier half er seinem ebenfalls emigrierten Freund Franz Werfel, als dieser den Roman "Das Lied der Bernadette" verfasste. Fischer starb am 11. Mai 1945 in Santa Barbara, sodaß er noch den Untergang des "Tausendjährigen Reiches" erleben konnte.
Sr. Restituta (Helene) Kafka (1894-1942) war die einzige Ordensfrau im sogenannten "Großdeutschen Reich", die hingerichtet wurde. Die gebürtige Brünnerin gehörte den "Hartmann-Schwestern" an. Ab 1919 war sie Operationsschwester im Krankenhaus Mödling tätig. Nach dem "Anschluss" 1938 scheute sich Restituta nicht, ihre Verachtung für das Regime zu äußern. Als im Krankenhaus eine neue Station eröffnet wurde, brachte die Schwester eigenhändig in jedem Zimmer ein Kreuz an. Da sie sich mit Nachdruck weigerte, sie wieder zu entfernen, verlangten die Nazis die Abberufung der Operationsschwester. Die Ordensleitung kam der Forderung aber nicht nach - mit der Begründung, sie hätte keinen geeigneten Ersatz. Ein im Dezember 1941 von der Ordensfrau vervielfältigtes pazifistisches Soldatenlied samt einem Bericht über eine große Bekenntnisfeier der Katholischen Jugend im Freiburger Münster wurden ihr schließlich zum Verhängnis. Nachdem die Gestapo Schwester Restituta schon seit längerem im Visier gehabt hatte, wurde sie am Aschermittwoch, 18. Februar 1942, verhaftet. Am 29. Oktober 1942 wurde Schwester Restituta in Wien durch den 5. Senat des sogenannten NS-Volksgerichtshofs zum Tode verurteilt. Am 30. März 1943 um 18.21 Uhr wurde Schwester Restituta Kafka im Wiener Landesgericht hingerichtet. Papst Johannes Paul II. sprach sie 1998 selig.
Pfarrer Otto Neururer (1882-1940) war Tiroler aus Piller. Er war Pfarrer in Götzens bei Innsbruck. Nachdem er im Dezember 1938 einer jungen Katholikin aus seiner Pfarre ins Gewissen geredet hatte, sie solle keine so genannte "deutsche Ehe" mit ihrem Verehrer - einem aus der Kirche ausgetretenen und geschiedenen Nationalsozialisten .- eingehen, wurde er von der Gestapo verhaftet. Neururer kam ins KZ Buchenwald. Er war dort weiterhin seelsorglich tätig und wurde daraufhin von einem Spitzel verraten. Am 30. Mai 1940 wurde er in Buchenwald hingerichtet. In der Pfarrkirche Götzens wird die Urne mit der Asche des Märtyrers aufbewahrt. Pfarrer Neururer wurde 1996 von Johannes Paul II. seliggesprochen.
Carl Lampert (1894-1944) stammte aus Göfis in Voralberg und war in der NS-Zeit Provikar der damaligen Apostolischen Administratur Innsbruck-Feldkirch. Lampert galt als entschiedener Nazi-Gegner. Sein Leidensweg begann mit mehrmaliger vorübergehender "Schutzhaft" im Gestapogefängnis Innsbruck, bis er 1940 endgültig verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert wurde. In der Folge hatte er tagelange Verhöre und grausame Misshandlungen zu erdulden. Am 30. August erfolgte die Überstellung in das berüchtigte KZ Sachsenhausen-Oranienburg. Am 15. Dezember 1940 kehrte Lampert nach Dachau zurück. Dort verblieb er bis zum 1. August 1941. Dann wurde er nach Stettin verbannt. Am 4. Februar 1943 wurde er neuerlich verhaftet und in das Gestapogefängnis Stettin überstellt. Er musste vor das Kriegsgericht, wurde wegen "Wehrkraftzersetzung, Feindbegünstigung und Spionageversuch" zum Tod verurteilt und schließlich am 13. November 1944 enthauptet. Über das Schicksal der am Mord an Lampert indirekt und direkt beteiligten Deutschen nach 1945 ist nichts bekannt.
Der österreichische Pallottinerpater Franz Reinisch (1903-42) ist der einzige bekannte Priester, der bei der Einberufung zur sogenannten deutschen "Wehrmacht" den Fahnen- und Treueeid auf Adolf Hitler verweigert hat. Dafür wurde er im Alter von 39 Jahren 1942 in Brandenburg hingerichtet. Bereits 1940 hatte die Gestapo gegen ihn ein Rede- und Predigtverbot im ganzen sogenannten "Reich" verhängt. Das Seligsprechungsverfahren für den Vorarlberger Ordensmann ist im Gang.
Hans Karl Zessner-Spitzenberg (1885-1938) war in der Zwischenkriegszeit mit Ernst Karl Winter eine der führenden Persönlichkeit des so genannten katholisch-legitimistischen Lagers. Der ausgebildete Verfassungsrechtler war 1919 von Staatskanzler Karl Renner in den Verfassungsdienst der Staatskanzlei berufen worden. Er wirkte mit Hans Kelsen an Verfassungsentwürfen für die Republik mit. 1931 wurde Zessner-Spitzenberg Ordinarius für Verfassungs- und Verwaltungsrecht an der Wiener Hochschule für Bodenkultur. Sofort nach dem "Anschluss" wurde er deshalb auch am 14. März 1938 fünf Stunden im Gestapo-Hauptquartier am Morzinplatz verhört, durfte dann heimgehen, wurde aber vier Tage später in der Pfarrkirche Kaasgraben in Wien-Döbling während des Gottesdienstes verhaftet. Zunächst war er im Wiener Landesgericht inhaftiert. Am 15. Juli 1938 erfolgte der Abtransport ins KZ Dachau, wo der entschiedene NS-Gegner am 1. August 1938 an den Folgen der Torturen und Misshandlungen starb.
Er war - nach dem Dollfuß-Berater Sektionschef Robert Hecht - der zweite Österreicher, der im Konzentrationslager Dachau der NS-Mordmaschinerie zum Opfer fiel. Offiziell wurde seiner Familie wie üblich mitgeteilt, dass er einer Lungenentzündung erlegen sei. Der Seligsprechungsprozess für Hans Karl Zessner-Spitzenberg ist im Gang.






