Neues Buch der Historikerin Barbara Frale löst heftige Diskussionen aus
Rom-Turin (KAP) Das Turiner Grabtuch enthält nach Auffassung der Historikerin Barbara Frale möglicherweise Schriftspuren einer antiken Bestattungsurkunde, die auf "Jesus den Nazarener" hinweist. Demnach hätten sich auf der als Grabtuch Christi verehrten Reliquie ("la Santa Sindone") hebräische, griechische und lateinische Wortfragmente eines nicht mehr erhaltenen Dokuments eingeprägt.
Andere Wissenschaftler, darunter der Chef der Turiner diözesanen Grabtuchkommission, don Giuseppe Ghiberti, meldeten Zweifel an. Keiner der Experten für Bildanalysen habe bisher derartige Schriftzüge festgestellt, sagte Ghiberti der italienischen katholischen Tageszeitung "Avvenire".
Wie Frale in ihrem soeben erschienenen Buch "La Sindone di Gesu' Nazareno" darlegt, könnten die Fragmente nicht nur auf Jesus, sondern auch auf ein Gerichtsurteil und auf die Regierungszeit des römischen Kaisers Tiberius (14-37 n.Chr.) hindeuten. Die angeblichen Schriftzeichen sind für das bloße Auge nicht sichtbar und sollen von einem französischen Forscher anhand von Fotografien dechiffriert worden sein. Untersuchungen am Grabtuch selbst fanden nicht statt.
Schon vor geraumer Zeit hatte die Forscherin Barbara Frale auf die vermeintliche Entdeckung hebräischer Schriftzeichen auf dem Tuch hingewiesen. Die 39-jährige Historikerin aus Viterbo, hauptberuflich wissenschaftliche Mitarbeiterin im Vatikanischen Geheimarchiv, stützt sich auf ein Dossier, das ihr der Franzose Thierry Castex überlassen hatte. Was sie jetzt aus den Wortfragmenten zusammengestellt haben will, übertrifft alle bisherigen Spekulationen: "Ich glaube, es ist mir gelungen, die Bestattungsurkunde von Jesus von Nazareth zu lesen", sagte sie der italienischen Tageszeitung "La Repubblica".
Der Beweis, wenn es ihn gibt, liegt für das bloße Auge verborgen in den Fasern des altehrwürdigen Gewebes: Ungelenke, wohl in Eile geschriebene Lettern des hebräischen, griechischen und lateinischen Alphabets. Der Theorie Frales zufolge handelt es sich um die Spuren eines verlorenen Dokuments, das beim Begräbnis mit in das Leinen eingeschlagen wurde und dessen Tinte eine schwache chemische Reaktion auslöste wie bei aufeinanderliegenden Seiten eines alten Kodex.
Was die Forscherin frappierte, waren die Zeichenfolgen "esou" und "nazarenos" - sollte es sich um "Jesus den Nazarener" handeln? Dazu ein hebräischer oder aramäischer Wortfetzen, der an einen Urteilsspruch denken lässt, und die Buchstaben "iber": Laut Frale womöglich ein Verweis auf Kaiser Tiberius (14-37 n. Chr.), um dessen 16. Regierungsjahr herum die Kreuzigung Jesu stattfand. Frale bezweifelt, dass die Schrift eine fromme Zutat späterer Christen sein könnte. Diese hätten, so glaubt sie, sicher vom "Christos", niemals aber von dem "Nazarener" geschrieben. Wenn die Beobachtungen und ihre Interpretation zuträfen, müsste es praktisch das Originaldokument der Bestattung Jesu sein.
Aber trifft das "wenn" zu? "Meiner Meinung nach hat sich Barbara Frale auf ein sehr unsicheres Gelände begeben", urteilt etwa Luciano Canfora, Professor für klassische Philologie in Bari. Nichts gegen kulturelle Vielfalt im antiken Jerusalem - aber ein solches Sprachen-Mix auf ein und demselben Dokument wäre so, "als ob ein indischer Taxifahrer in London für die Quittung drei verschiedene Idiome benutzt", so Canfora in der Tageszeitung "Avvenire". Gerade die Detailfülle der Entdeckung sei eher ein Grund zu Misstrauen. Auch die Existenz eines Bestatters, der seine Toten mit Urkunden versehe, sei ihm für Judäa im 1. Jahrhundert unbekannt.
Ausgerechnet der päpstliche Hüter des Grabtuchs reagiert stark zurückhaltend. "Sehr erstaunt" sei er über die Beobachtungen Barbara Frales, erklärte Giuseppe Ghiberti, renommierter Neutestamentler in Turin. Von Amts wegen ist ihm eigentlich jedes Argument recht, das die Authentizität der Tuchreliquie erhärtet. Aber ihm selbst, der sich seit Jahren mit der "Santa Sindone" befasst, sei noch nie eine Ahnung von verborgenen Schriften gekommen, sagte er dem "Avvenire". Vor einem deutlicheren Urteil möchte Ghiberti allerdings das Buch Barbara Frales erst einmal gründlich lesen.






