Benedikt XVI. wird vor der "Santa Sindone" beten - Zuvor ist ein Festgottesdienst und eine Begegnung mit Jugendlichen geplant
Rom (KAP) Papst Benedikt XVI. wird am kommenden Sonntag die Erzdiözese Turin besuchen und vor dem weltberühmten Grabtuch Jesu beten. Das 4,36 Meter lange und 1,10 Meter breite Leinentuch, das den Abdruck eines Gekreuzigten zeigt und seit 1578 in Turin aufbewahrt wird, ist derzeit erstmals nach zehn Jahren wieder öffentlich zu sehen. Bis zum Ende der Ausstellung im Dom von Turin am 23. Mai erwartet die Erzdiözese Turin knapp drei Millionen Besucher.
Benedikt XVI. wird am Sonntag kurz vor zehn Uhr im Piemont eintreffen. Um 10.15 Uhr feiert der Papst auf der zentralen Turiner Piazza San Carlo einen Festgottesdienst zu dem Tausende Gläubige erwartet werden. Nach dem Mittagessen mit Bischöfen der Region Piemont ist ein Treffen mit Jugendlichen auf der Piazza San Carlo vorgesehen, bevor Benedikt XVI. um 17.30 Uhr in der Kathedrale vor dem Grabtuch beten wird. Zum Abschluss der eintägigen Reise besucht der Papst kranke und pflegebedürftige Menschen in dem vom Heiligen Giuseppe Benedetto Cottolengo gegründeten "Kleine Haus der göttlichen Vorsehung".
Schon vor dem Papstbesuch glich Turin in den vergangenen drei Wochen einer großen Pilgerstätte im Ausnahmezustand: Zehntausende Besucher strömten seit dem 10. April täglich in den Dom der norditalienischen Industriestadt um das Grabtuch zu sehen.
Unter die Gläubigen reihten sich Kardinäle, Bischöfe, Politiker, aber auch Sportstars aus aller Welt. So betete Kardinal Christoph Schönborn vor wenigen Tagen mit einer Pilgergruppe aus der Erzdiözese Wien vor dem Grabtuch und hielt einen öffentlichen Vortrag zur Ausstellung im Turiner Dom. Der armenisch-katholische Patriarch Nerses Bedros hat das Leinen ebenso besucht wie Italiens Außenminister Franco Frattini oder Fußball-Welttorhüter Gianluigi Buffon. Für Mitte Mai hat sich der Außenamtschef des russisch-orthodoxen Moskauer Patriarchats, Metropolit Hilarion Alfejew, in Turin angekündigt. Sogar eine Gruppe junger Muslime aus Italien kam in den Piemont, um das von vielen Katholiken als Grabtuch Christi verehrte Leinen zu sehen.
Echt oder gefälscht?
Auf dem Grabtuch sind als Negativabdruck Antlitz und Umrisse eines gekreuzigten Mannes mittleren Alters zu sehen. Sein Körper weist zudem Verletzungen auf, die der in der Bibel beschriebenen Geißelung Jesu, der Dornenkrönung und dem Lanzenstich entsprechen. Um die historische Echtheit gibt es jedoch seit Jahrzehnten Auseinandersetzungen.
Die katholische Kirche hat bis dato zum Alter und der Echtheit des Tuches nie offiziell Stellung genommen. Seine Verehrungswürdigkeit als Zeichen für die Schmerzen Christi am Kreuz hat die Kirche jedoch stets hervorgehoben. Papst Benedikt XVI. bezeichnete das Tuch vor kurzem in einer Generalaudienz als "Hilfe für den Glauben". In diesem Sinne hatte sich auch der frühere Turiner Erzbischof Kardinal Giovanni Saldarini geäußert. Das Tuch sei in jedem Fall ein "rührendes Zeichen" der Schmerzen Jesu am Kreuz - ob es nun echt sei oder nicht. Papst Johannes Paul II. hob während seines Turin-Besuches 1998 hervor, dass die Wissenschaft über die Echtheit des Tuches entscheiden müsse. Die Kirche besitze hierfür keine "besondere Kompetenz".
Besterforschtes Stück Stoff
Aber auch für die Wissenschaftler liegt die Echtheit, eine genaue Datierung und die Herkunft des Grabtuchs im Dunkeln. Einige Fachleute nehmen an, dass es sich bis zur Plünderung durch die Kreuzfahrer 1204 in Konstantinopel befand und identisch ist mit dem in Spätantike und Mittelalter im südanatolischen Edessa verehrten Abgar-Tuch. Durch einen Kreuzritter könnte das Leinen nach Frankreich gelangt sein, wo es in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhundert erstmals erwähnt wird. Seit 1578 befindet sich das Leinen in Turin.
Die wissenschaftliche Erforschung des Grabtuchs begann mit einem Foto. In der Dunkelkammer sah der italienische Hobbyfotograf Secondo Pia 1898 das Negativbild, das erstmals deutlich die Gesichtszüge eines bärtigen Mannes zeigte. Der Körper wies Spuren zahlreicher Verwundungen auf, die zu Geißelung, Dornenkrone und Lanzenstich passten, wie sie die Evangelien beschrieben. Physiker, Chemiker und Biologen untersuchten das Leinen in der Folgezeit so häufig, dass es mittlerweile als das besterforschte Stück Stoff gilt. Pollenspuren verwiesen auf Pflanzen des östlichen Mittelmeerraums, das Material und seine Fertigung passten ebenfalls zur Zeit Christi, hieß es.
Eine Radiokarbonuntersuchung, die 1988 von Wissenschaftlern dreier Universitäten durchgeführt wurde, ergab, dass das Tuch mit großer Wahrscheinlichkeit zwischen 1260 und 1390 entstanden ist. Aber auch dieser Befund wurde bald infrage gestellt. Das Ergebnis sei durch spätere Verunreinigungen, durch Löschwasser eines Brandes von 1532 und durch aufgesetzte Stoffflicken verfälscht worden. Zuletzt wurde diese These im April von Wissenschaftlern der Universität Padua vertreten, die die Messergebnisse neu ausgewertet hatten.






