Wortlaut der Predigt des Linzer Diözesanbischofs Ludwig Schwarz beim Seligsprechungsgottesdienst für Franz Jägerstätter am 26. Oktober im Linzer Mariendom
Eminenzen, Exzellenzen, liebe Mitbrüder im priesterlichen und im diakonalen Dienstamt, sehr geehrte Frau Jägerstätter, liebe, sehr geehrte Festgäste, Brüder und Schwestern im Herrn!
Zeit und Ort seiner Geburt kann niemand selber wählen. Ob man lieber in einer anderen Zeit gelebt hätte, ist darum eine müßige Frage. Wir werden in eine bestimmte Spanne der Welt- und auch der Kirchengeschichte hineingestellt. Sie bietet uns Möglichkeiten, setzt uns auch Grenzen, weist uns Aufgaben zu und fordert unser verantwortliches Handeln heraus. Diese Zeit ist uns von Gott zugeteilt. "Die Zeichen der Zeit zu erkennen", ist eine der markanten Weisungen des 2. Vatikanischen Konzils. Es geht also um verantwortliche Zeitgenossenschaft.
Franz Jägerstätters Leben fiel in eine Zeit großer politischer Umwälzungen, die durch den heraufziehenden Nationalsozialismus, den Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland sowie den beginnenden Zweiten Weltkrieg geprägt waren. Diese Entwicklung erfüllte den gläubigen Mann, dem ein waches Gewissen eigen war, mit tiefer Sorge und mit einem inneren Widerstand. Er sah in dem neuen Regime eine ernste Gefahr für die Freiheit und Menschlichkeit wie auch für das Christentum im allgemeinen. Der Widerspruch zu seiner Heimatliebe, seinem rechtschaffenen Denken und seinem Glauben war für ihn so groß, dass er es mit seinem gläubigen Gewissen nicht vereinbaren konnte, für Hitlers Ziele mit der Waffe in den Krieg zu ziehen. Er hat sich diese Entscheidung angesichts der schwerwiegenden Folgen, die ihm und seiner Familie drohten, keineswegs leicht gemacht. Obwohl er nach außen hin nichts bewirken konnte, wollte er sich der "Gnade" dieser Einsicht, in der er seine persönliche Berufung erkannte, nicht verweigern.
Die äußere Lebensgeschichte Franz Jägerstätters ist inzwischen weithin bekannt. Wenn wir nach den Motiven fragen, die ihn bis auf seinen Gang zur Hinrichtungsstätte geleitet haben, dann finden wir eine klare und beeindruckende Antwort in seinen Aufzeichnungen und Briefen, die glücklicherweise auf uns gekommen sind.
I. Liebe zu Gott
Zuerst steht da ganz groß seine Liebe zu Gott. Als tiefstes Motiv begegnet uns hier diese Liebe und zwar zu Gott, der uns in Jesus Christus, näherhin durch sein Leiden und Sterben erlöst und zum ewigen Heil berufen hat. Es ist der Gott der Liebe, der unser ganzes Vertrauen verdient, auch wenn wir die Wege seiner Vorsehung nicht kennen, und nach dessen Wegweisungen wir unser Leben und Handeln auszurichten haben, um unser ewiges Ziel zu erlangen. "Wenn wir nur in der Liebe Gottes bleiben können", ist sein Bestreben und sein Trost. Alles steht für Franz Jägerstätter unter der Maxime der Liebe zu Gott. Diese Liebe befähigt, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen. In dem christlichen Grundgebot der unbedingten Gottesliebe, das wir heute in der ersten Lesung aus dem Alten Testament, aus dem Deuteronomium (Dtn 6,2-6), gehört haben, und das Jesus ausdrücklich bestätigt hat, ist für Jägerstätter alles zusammengefasst.
II. Vertrauen auf Gott
Zweitens ist sein tiefes Vertrauen zu erwähnen. In diesem Gebot ist für ihn das unbegrenzte Vertrauen darauf eingeschlossen, dass "Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt". "Nicht Kerker, nicht Fesseln, auch nicht der Tod sind imstande, einen von der Liebe Gottes zu trennen". Als Franz Jägerstätter diesen Satz aus dem Römerbrief niederschreibt, den uns vorhin die zweite Lesung (Röm 8,31b-39) in Erinnerung gerufen hat, sind tatsächlich seine Hände gefesselt und steht ihm der gewaltsame Tod vor Augen. In dieser Situation einer äußersten Not und Einsamkeit, in der er sich erlebt, sind ihm diese Worte wie ein Schlüssel, der ihm den letzten Sinn seines Leidens eröffnet; sie sind wie ein Geländer, an dem er gegen alle mögliche Verunsicherung Halt und Stand findet. Er vertraut darauf, dass "Gott", wie er schreibt, "ihn auch in seiner letzten Stunde nicht verlassen wird" und in seinen Himmel aufnimmt.
III. Nachfolge Jesu
1. Die Liebe Gottes bedeutet für Franz Jägerstätter aber nicht nur Geborgenheit und Trost, sondern auch einen Anspruch. Sie erlaubt keine Gleichgültigkeit oder Nachlässigkeit, sondern verlangt die klare Unterscheidung von Gut und Böse. Deshalb nimmt Franz Jägerstätter die Sünde als Zurückweisung dieser Liebe und damit als Verlust des Heiles ungemein ernst. Die Sünde ist für ihn "das größte Übel und Unglück, das es für uns Menschen überhaupt gibt". Mehr noch aber geht es ihm um ein aufrichtig gelebtes Christsein, das diesem Namen gerecht wird. "Christ sein ist", nach seinen eigenen Worten, "der höchste Beruf, den es auf dieser Welt gibt". Christen sollen den Glauben bezeugen und dadurch in die Welt hinein wirken. Also Jahre vor dem 2. Vatikanischen Konzil lesen wir bereits bei ihm, es sei "nicht bloß Pflicht einzelner, nach Heiligkeit zu streben, sondern aller Menschen"; dies aber sei nichts anderes, sagt er, "als Gottes Willen in allem zu erfüllen". Heiligkeit, meint er, ist etwas für uns alle. Dazu sind wir seit der Taufe berufen.
a) Dabei hat für Franz Jägerstätter die Liebe zum Nächsten einen besonderen Rang: die Liebe, die mit den Leidenden und Gequälten fühlt, die sich der Armen annimmt und nicht zuletzt zum Verzeihen bereit ist. Wiederholt mahnt er auch noch aus dem Gefängnis in Berlin, zu verzeihen und niemandem zu zürnen, sowie auch er allen vergeben hat. Dazu gehört für ihn, das Urteil über andere Gott zu überlassen. Wir sollen nicht urteilen, meint er, wir sollen nicht richten, damit auch wir nicht gerichtet werden.
b) Franz Jägerstätter ist sich auch der Mitverantwortung aller für die politischen Geschehnisse im Lande bewusst. Der Nationalsozialismus mit seiner kirchenfeindlichen, menschenverachtenden und totalitären Ideologie bedeutet für ihn eine aktuelle und dringliche Herausforderung an jeden einzelnen wahren Christen. Wacher Sinn, kritische Unterscheidung, klare Entscheidung und Standfestigkeit sind da gefragt. Die Bildung eines wohlbegründeten, letztlich aber eigenständigen Gewissens, das sich vom "Strom" der Mehrheitsmeinungen nicht mitreißen lässt und sich auch nicht blind einem Gehorsam verschreibt, sind ihm unverzichtbar. Zu fragen sei stets: "Ist es auch Gott wohlgefällig, was ich jetzt tue"?
c) Diesem Gewissen zu folgen, kann Bekennermut erfordern, ja sogar - gleich den Christen der ersten Jahrhunderte - die Bereitschaft zum Martyrium. Die Ehrfurcht vor Gott muss größer sein als die Furcht vor den Menschen. Keine menschlichen Rücksichten rechtfertigen es, Gott zu beleidigen. Das herausragende Beispiel dafür ist uns nach Jägerstätter in Jesus Christus vor Pilatus gegeben. "Sollten wir denn nicht wahre Nachfolger Christi werden?", fragt er sich selber und gibt diese Frage auch an uns weiter. Sollten wir Christen Christus nicht immer ähnlicher werden? - So steht es auf der Titelseite des heutigen Feierheftes. Wahrlich, eine tiefe Überlegung, die Jägerstätter uns allen vorgibt.
2. Den Ruf zur Nachfolge Jesu hat Franz Jägerstätter auf sein Leben bezogen. In einer Zeit ernster Bedrohung von Glaube und Kirche, einer erschreckenden Missachtung der Menschenwürde sowie der Zerstörungen eines mörderischen Krieges mahnt er in bewegenden Worten zum Glaubenszeugnis, zur Wahrhaftigkeit, zur Gerechtigkeit, zum Gewaltverzicht und zum Frieden. Gerade der Friede unter den Völkern wie unter den Mitmenschen ist ihm immer ein dringliches Anliegen.
Wenn wir noch einen Blick auf das Evangelium werfen: Wie oft mag er die Seligpreisungen der Bergpredigt Jesu, die wir soeben im Evangelium (Mt 5,1-12a) vernommen haben, gehört, gelesen und überdacht haben! Sie sind Wegweisung in eine andere, neue Welt und sind Zumutung eines anderen, eines neuen Umgangs miteinander, und zwar "Zumutung" in dem doppelten Sinn des Wortes: Sie sind provozierender Anstoß zu einem Verhalten, das vielen gegen den Strich geht, und sie sind Ermutigung, sich auf ein neues Denken und einen neuen Weg des Miteinander einzulassen. Die Seligpreisungen bilden eine Alternative zu den gängigen, aber nicht weiter führenden Denkmustern und Praktiken und verweisen zeichenhaft auf die Wirklichkeit des Reiches Gottes, die sie bereits in dieser Welt erfahrbar machen. Und dazu sind wir alle berufen.
Mit dem vielfachen "Selig sind die, die ..." so handeln, bestätigt und ermutigt Jesus jene, die diesen Weg wählen, und verheißt ihnen die Zukunft bei Gott. Es ist eben nicht ungeschickt, unklug oder unsinnig, sich an diesen Seligpreisungen zu orientieren, denn sie führen, wie es heißt, in das "Himmelreich", in die bleibende Gemeinschaft mit Gott und mit Christus.
Im Vertrauen auf Jesu Verheißung hat Jägerstätter auch Unverständnis und Ablehnung, Verfolgung, Misshandlung und Hinrichtung nicht gescheut. Mit seiner Seligsprechung stellt die Kirche ihn uns vor als einen, dem die Seligkeit des Himmels zuteil geworden ist. In der Gemeinschaft all der Seligen und Heiligen des Himmels ist Franz Jägerstätter zugleich ein erhellendes, ein erfreuliches, ein hoffnungsvolles und Mut machendes Licht- und Wegzeichen, das Gott auch unserer Zeit - mit ihren eigenen Herausforderungen - aufgesteckt und aufgestellt hat.
Danken wir darum Gott für diesen neuen Seligen, der ein Prophet mit Weitblick gewesen ist. Er steht heute vor uns als gläubiger Mensch, für den Christus wirklich die Mitte und das Zentrum des Lebens war. Deshalb konnte er noch aus dem Gefängnis - und damit schließe ich - ein wunderschönes Wort an seine Gattin schreiben: "So glücklich ist kein Glücklicher, als der, welcher Christus im Herzen trägt". Amen.






