Die Pressekommentare zur Reise Benedikts XVI. ins Heilige Land sind deutlich von den Debatten der vergangenen Monate eingefärbt
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15.05.09 (KAP-ID) Der mediale Gegenwind, der Papst Benedikt XVI. gerade in der deutschsprachigen Presse in den vergangenen Monaten entgegenschlug, ist auch vielen Pressekommentaren zu seinem Besuch im Heiligen Land zu spüren. Besonders beobachtet wurde von den Kommentatoren die Ansprache des - wie immer wieder betont wurde - "deutschen Papstes" in der Gedenkstätte Yad Vashem.
Die "Süddeutsche Zeitung" schrieb etwa, die Ansprache habe einen "ängstlichen Papst" gezeigt, der geredet habe, als wirkte noch das "Trauma" der Affäre um den Lefebvristen-Bischof und Holocaust-Leugner Williamson nach und als laute die Devise: "bloß keinen Fehler machen". Zwar habe der Papst mit prinzipiell richtigen Worten der Opfer der Shoah gedacht und Judenhass verurteilt, doch zugleich seien es wiederum nicht die richtigen Worte gewesen, urteilte die "Süddeutsche": "Abgewogen formuliert kamen sie, aber bemüht, emotionsarm, ohne Risiko".
Die "Neue Zürcher Zeitung" zeigte sich zurückhaltender in ihrem Urteil: "Wie der Besuch Yad Vashems einmal mehr gezeigt hat, liegt Benedikt XVI. weder die ostentative Zurschaustellung von Emotionen noch die große symbolische Geste, auf die sich sein Vorgänger Johannes Paul II. so sehr verstanden hatte."
Ähnlich die "Frankfurter Allgemeine Zeitung": Es kam letztlich "wie es kommen musste", schrieb das Blatt, "dem Papst wurde angekreidet, dass er in Yad Vashem gerade nicht jene Signale aussandte, die sich wohl nicht wenige von ihm erhofft, ja erwartet hatten: Worte, die zu erkennen gegeben hätten, dass der Mann im weißen Gewand auch ein Sohn jenes Volkes ist, in dessen Namen die Vernichtung von sechs Millionen Juden ins Werk gesetzt wurde". Worte auch, die "nochmals die Verstrickung der katholischen Kirche in die unselige Geschichte des Antisemitismus benannt hätten". Es sei freilich "naiv" zu glauben, dass der Papst diese Erwartungshaltungen nicht gekannt hätte - dennoch habe er wohl Gründe gehabt, "ihnen nicht zu entsprechen, trotz wohlweislicher Voraussicht des Kommenden".
Scharf fiel hingegen das Urteil der "Frankfurter Rundschau" aus. Der Preis für die päpstliche Zurückhaltung in Yad Vashem sei "Oberflächlichkeit", so das Blatt. Die Warnung vor der "hässlichen Fratze" des Antisemitismus sei "wohlfeil, wenn das Kirchenoberhaupt mit dem Finger auf die Welt zeigt, ohne dazu zu sagen, dass er es war, der einen Holocaust-Leugner in den Schoß der katholischen Kirche zurückgeholt" habe. Auch sei es "nicht von dieser Welt", wenn der Papst von Frieden als einem Geschenk spreche, "wo im sogenannten Heiligen Land heute jedes Kind weiß, dass Frieden niemals geschenkt wird, sondern verhandelt und hart erarbeitet werden muss".
Der Berliner "Tagesspiegel" sieht in der Art und Weise, wie Benedikt XVI. die Reise absolviert hat, eine "Pflichtübung": "Die Widerstände im Amt, so scheint es, haben ihn weichgespült." Hatte er in Regensburg noch mit einer Rede die Muslime erzürnt, in Afrika noch mit Aussagen zum Kondom-Gebrauch und AIDS für einen Aufschrei gesorgt, in Südamerika Ureinwohner mit der Bemerkung, sie hätten das Christentum herbeigesehnt, vor den Kopf gestoßen, so heiße die Botschaft nun schlicht: Friede. "Nichts ist von der Schärfe zu spüren, mit der der Intellektuelle Ratzinger seine Theologie immer wieder vertreten hat. Wo ist die Lust am Diskurs geblieben?", frage der "Tagesspiegel", um dem Papst schließlich zu unterstellen: "Er unterlässt das Hinterfragen".
"Zeit der Gemeinsamkeiten gekommen"
Sehr unterschiedlich fielen auch die Kommentare zur Yad Vashem-Rede sowie zur Reise insgesamt in der österreichischen Presse aus. Dietmar Neuwirth blickt in seinem Kommentar in der "Presse" hinter den Schleier der vielfältigen Erwartungshaltungen, die im Vorfeld und während der Reise artikuliert wurden. Als "weltweit Agierender" stehe der Papst natürlich und selbstverständlich "weltweit unter Dauerbeobachtung"; da wundere es nicht, wenn sich Erwartungen und Erfüllung so selten decken. Dass der Papst auch bei seiner gegenwärtigen Reise durchaus Widerspruch provoziere, sieht Neuwirth u.a. darin begründet, dass er "in den sehr großen Fußspuren seines Vorgängers Johannes Paul II. wandelt, der Weltgeschichte geschrieben hat". Außerdem werde er beargwöhnt, weil er bereits zum zweiten Mal während seines Pontifikats "eine gehörige Portion Ungeschicklichkeit" bewiesen habe: bei der "Regensburger Rede" sowie bei den Lefebvrianern.
Bei all dem "medialen Getöse" dürfe man jedoch nicht aus den Augen verlieren, dass es Benedikt XVI. auch im Heiligen Land um "das Gewinnen und Vertiefen von Vertrauen zwischen den drei großen monotheistischen Religionsgemeinschaften" und der Fortsetzung des "zuletzt manchmal doch recht schleppend verlaufenden Dialogs" ging. Der Papst habe erkannt, dass "die Zeit der Gemeinsamkeiten" gekommen zu sein scheint - insbesondere vor dem Hintergrund eines "militanter werdenden Atheismus", der die Religionen in gleichem Maße betreffe.
Als "überzogen" bewertet Thomas Götz in seinem Kommentar in der "Kleinen Zeitung" die enttäuschten Reaktionen auf die Rede des Papstes. Freilich sei die Ansprache trotz ihrer inhaltlichen Korrektheit "kühl und distanziert" geblieben, hätte man sich doch von einem "82-Jährigen, den die Nazis als 16-Jährigen noch als Flak-Helfer eingezogen haben ... etwas Persönliches erwarten" dürfen. Andererseits habe Benedikt XVI. mit seiner Zurückhaltung klug agiert, bedenke man die zahlreichen unterschiedlichen Erwartungen, mit denen die gesamte Reise aufgeladen gewesen sei.
Götz weitet den Blick jedoch über die Yad Vashem-Rede hinaus und kommt zu dem Urteil, dass gerade die Betonung der Gemeinsamkeiten der drei monotheistischen Religionen - Judentum, Christentum und Islam - einen aktuellen und nicht zu unterschätzenden Tonfall bedeutet hätten. Götz: "Immer wieder betont er, dass Religion nie Gewaltanwendung rechtfertigen könne. In einer Gegend, die von Abgrenzung und Hass dominiert ist, von Zäunen und Mauern aller Art, klingt das fast neu."
Wichtiger Blick auf die Christen der Region
"Zu viel wurde ausgeklammert" urteilte hingegen Michael Sprenger in der "Tiroler Tageszeitung". Die Erwartungshaltungen seien freilich hoch gewesen. Zwar habe der Papst insgesamt "nicht Falsches" gesagt, dies sei an sich jedoch noch keine Leistung. Die Yad Vashem-Rede hätte "der Höhepunkt dieser heiklen Mission werden sollen", statt dessen entschied sich Benedikt XVI. für "kontrollierte Zurückhaltung, nicht für die große Geste" und verhinderte so letztlich "eine historische Rede". Denn "auch Worte, die nicht gesagt werden, wiegen schwer", so Sprenger.
Gudrun Harrer versucht in ihrem Kommentar im "Standard" einen Vergleich zwischen der Israel-Reise Johannes Pauls II. und Benedikts XVI.: Johannes Paul II. reiste "in Freundesland", während in den Berichten heute die Begriffe "heikel" und "brisant" überwiegen, so Harrer. Weiters sei Johannes Paul II. ein Pole gewesen, der selbst das Gefühl der Verfolgung erfahren hatte und sich "zutiefst mit den jüdischen Opfern der Nazis identifizierte", während Benedikt XVI. "den Zeitläufen entsprechend als junger Mensch in der Hitlerjugend landete".
Harrer weitet schließlich den Blick auf einen in den sonstigen Zeitungskommentaren selten berücksichtigen Aspekt der Reise: die von Benedikt XVI. zum Ausdruck gebrachte Solidarität mit den Christen in der Region. Dies dürfe nicht aus den Augen verloren werden, auch wenn nur ein Teil der Christen dort katholisch sei und die christlichen Kirchen vor Ort "nicht immer christliche Harmonie" untereinander zeigten.
"Chancen vergeben"
Otto Friedrich sieht in seinem Kommentar in der "Furche" den Papst im Nahen Osten auf einer "Mission Impossible", zugleich habe er vorhandene Chancen zu einer "Entkrampfung des Verhältnisses von Katholiken und Juden" nicht genutzt. Freilich stehe Benedikt XVI. angesichts der zahlreichen Erwartungen in einer "No-win Situation", so Friedrich, und doch habe es Chancen gegeben, die durch das vertan wurden, "was Benedikt XVI. nicht sagte und tat" - wie etwa in Yad Vashem.
Eine Chance wäre etwa gewesen, die eigene historische wie persönliche Verstrickung in die NS-Geschichte zu thematisieren. Seine Betrachtung in Yad Vashem habe außerdem die "politische Konsequenz" gefehlt: "Nicht nur Mystik, sondern auch Politik: Dieses Schlagwort christlicher Weltgestaltung wäre auch in diesem Zusammenhang vonnöten", so Friedrich. So habe man jedoch "umsonst" auf Zeichen einer positiven zukünftigen Gestaltung des jüdisch-christlichen Verhältnisses gewartet. Schließlich benennt Friedrich konkrete Momente, wo eine solche Zukunftsgestaltung möglich wäre: in der Bereinigung der Theologie von "nur notdürftig kaschierten antijüdischen Tendenzen", wie sie etwa die Pius-Brüder deutlich machen; in der Klärung der Haltung der Kirche zu Pius XII. oder zum polnischen, notorisch antisemitischen Sender "Radio Maryja".







