Die Begegnungen des Papstes mit jüdischen und muslimischen Repräsentanten werden im Nachhinein sehr unterschiedlich bewertet
Jerusalem, 19.5.09 (KAP) Die interreligiösen Begegnungen von Papst Benedikt XVI. in Israel werden im Nachhinein sehr unterschiedlich bewertet: Nach Ansicht des Direktors des "Elijah Interfaith Institute", Alon Goschen-Gottstein, hat das gemeinsame Friedenslied der Religionsvertreter in Nazareth nach dem "missglückten Treffen" von Jerusalem vielen Menschen wieder Mut gemacht. Das Bild des Papstes, Hand in Hand mit Juden, Muslimen und Drusen singend, sei eine "starke Geste" gewesen, sagte der Rabbiner in einem Interview mit der deutschen katholischen Nachrichtenagentur KNA.
Der Vikar für die hebräischsprachigen Katholiken, P. David Neuhaus, bezeichnete die Idee eines gemeinsamen Friedensliedes hingegen als zwar "schön", aber nicht der Realität des interreligiösen Dialogs im Heiligen Land entsprechend. Das Treffen in Nazareth sei vom israelischen Außenministerium geplant worden, das auch die Redner ausgewählt habe. Die Jerusalemer Begegnung mit von den Religionsgemeinschaften selbst bestimmten Repräsentanten habe dagegen ein "authentisches Bild" abgegeben: "Wir streiten, schreien uns an und reden hinterher hoffentlich wieder miteinander", sagte der Jesuit, der für das Jerusalemer Treffen verantwortlich war: "Wir stehen hingegen selten Hand in Hand und singen Friedenslieder".
Im Jerusalemer "Notre Dame of Jerusalem-Centre" hatte ein muslimischer Vertreter, Scheich Taisir Al-Tamimi, überraschend das Mikrofon ergriffen und auf arabisch eine erregte Ansprache gegen die israelische Politik gehalten. Drei Tage später in Nazareth stimmte Goschen-Gottstein nach der Ansprache des Papstes ein selbst geschriebenes Friedenslied mit dem Text "Salaam, Shalom - Herr, gib uns Frieden" an und forderte die Versammelten zum Mitsingen auf. Danach habe er einen "Sturm der Zustimmung" erfahren, so der Rabbiner. Bilder könnten manchmal Fakten schaffen; darum sei die Geste wichtig gewesen.
Nach Auskunft von Neuhaus hat Al-Tamimi inzwischen seinen Vorstoß im "Notre Dame of Jerusalem-Centre" gegenüber einem Vertreter des lateinischen Patriarchats bedauert. Auch andere hochrangige Muslime hätten das Verhalten Al-Tamimis als Fehler bezeichnet. Andererseits seien nach dem Eklat einzelne jüdische Vertreter auf die Organisatoren zugekommen und hätten dem Scheich inhaltlich Recht gegeben, auch wenn seine Worte deplaciert und "in einer unguten Weise vorgetragen" gewesen seien.
"Es war ein Gebet"
Bei dem Friedenslied des interreligiösen Treffens mit Benedikt XVI. in Nazareth handelte es sich nach Ansicht Goschen-Gottsteins um ein "Gebet in Form eines Liedes". Er sei sich dessen bewusst, dass noch nie zuvor ein Papst gemeinsam mit anderen Religionsvertretern gebetet habe, sagte der Rabbiner. Eine solche "starke Geste" sei um der "Zukunft des Dialogs" willen wichtig gewesen.
Es sei nicht leicht gewesen, die vatikanischen und israelischen Verantwortlichen von der Idee zu überzeugen, so der Leiter des "Elijah Interfaith Institute". Schließlich sei jedoch das "Gebet in Form eines Liedes" angenommen worden.
Im Anschluss an das Treffen hatten Beobachter diskutiert, ob es sich bei dem gemeinsamem Singen des Friedensliedes um ein Gebet gehandelt habe. Vatikansprecher P. Federico Lombardi SJ bezeichnete die Initiative Goschen-Gottsteins als "genial". Niemand könne dem Papst verwehren, gemeinsam mit anderen Religionsvertretern "Dona nobis pacem" zu singen. Eine genaue Definition des Liedes gab der Sprecher nicht.
Bei früheren hochrangigen interreligiösen Friedens-Gebetstreffen wie in Assisi 1986 mit Johannes Paul II. war wegen der theologischen Problematik gemeinsamer Gebete stets streng darauf geachtet worden, zwar gleichzeitig, aber getrennt zu beten.






