Designierter Linzer Weihbischof in "profil"-Interview: Diözese Linz bei Widerstand gegen Rom "schon eher vorn" - Klare Abgrenzung von Holocaust-Leugnung - Kirchliche Erneuerung nicht durch Strukturreformen, sondern durch "tiefere Hinwendung zu Gott"
Wien-München, 9.2.09 (KAP) "Auch ein Bischof muss hören, nämlich auf Gott": Der designierte Linzer Weihbischof Gerhard Wagner erklärte in einem Interview für das am Montag erscheinende Wochenmagazin "profil", Gehorsam bedeute für ihn "etwas ganz Lebendiges, wo ich mich an Gott binde und mich selber nicht so wichtig nehme". Er wolle sich jedoch nicht vom Zeitgeist diktieren lassen, "denn dann bin ich morgen schon von gestern". Er hoffe, dass es ihm als Bischof gelinge, "mich zurückzunehmen und den anderen zuzuhören". Wagner sieht viele Konflikte dadurch begründet, dass "wir uns im Grunde zu wichtig nehmen. Da geht es ja nicht um Machtverhältnisse".
Er vertrete "keine Extras", sondern "den Glauben der Kirche", unterstrich der Weihbischof. Ob dies auch seine kircheninternen Kritiker täten, sei "die große Frage". Es gebe auch heute Widerstand gegen Rom, und die Diözese Linz stehe, "was das anbelangt, schon eher vorne". Laut Wagner geht es dabei um verschiedene Sichtweisen von Glaube und Kirche. Für ihn sei "ernüchternd", dass "immer dieselben Themen gereicht" würden, man auf wesentliche Fragen des Glaubens aber nicht zu reden komme.
Zur Homosexualität sagte Wagner, diese sei in der Bibel "als Sünde festgeschrieben", daran könne man nicht vorbei. Genauso wie andere müsse sich ein Homosexueller am Wort Gottes orientieren und sei zur Bekehrung aufgerufen. Wagner äußerte die Überzeugung, dass Homosexualität "heilbar" ist, "dafür gibt es genügend Beispiele, nur davon spricht man nicht". Er selbst kenne "geheilte" Betroffene, und es gebe viele, die auch darunter leiden. Er bringe einem Menschen, "der hier ein Problem hat", Achtung entgegen.
Ohne sich auf die Frage einer gesetzlichen Neuregelung einzulassen, äußerte Wagner beim Thema Fristenregelung die Überzeugung: "Der Kampf für das Leben muss heute geführt werden". Ihm seien in seiner seelsorgerlichen Tätigkeit "nicht nur einmal Frauen in Not in dieser Situation begegnet". Es gelte sie und ihre Umgebung zu ermutigen, zu diesem Kind zu stehen. "Ich wehre mich dagegen, dass man das den Frauen einfach überlässt und sie dann verurteilt", so Wagner wörtlich. Eine "Fristenlösung" sei keine Lösung, man sollte "das Mörderische der Fristenlösung sehen, man muss das einmal klar so sagen". Es müsse nach Wegen gesucht werden, "wie man Frauen wirklich hilft".
Klar grenzte sich Wagner von der Haltung des lefebvrianischen Bischofs Williamson zum Holocaust ab: Diesen zu leugnen sei "absolut verwerflich und abzulehnen". Das jüdisch-christliche Gespräch sei "etwas ganz Wichtiges". Jesus selbst sei Jude gewesen, argumentierte der Weihbischof. Auf die Frage, ob eine deutsche Kanzlerin den Papst kritisieren können soll, antwortete Wagner: "In einer so wichtigen Sache wie dem Holocaust bin ich der Meinung, dass jemand Erwartungen formulieren darf".
"Es gibt einen Richtungsstreit"
Dass es einen "Richtungsstreit" in der katholischen Kirche gibt, bestätigte Wagner in einem Interview in der jüngsten Ausgabe der Würzburger katholischen Zeitung "Die Tagespost": Seine Ernennung habe "manches aufgebrochen, was bisher zugedeckt" gewesen sei. Letztlich gehe es um die Frage: "Wie erneuern wir die Kirche?" Im Unterschied zu jenen, die dabei auf "Strukturreformen" setzen, meine er, dass es um eine "tiefere Hinwendung zu Gott" gehe. Die kirchliche Lehre dürfe nicht dem Verhalten all derer angepasst werden, "die das Evangelium nicht hören wollen". Wahre Erneuerung könne nur von jenen kommen, die wirklich Christus nachfolgen.
Im Blick auf die von ihm geortete Spaltung sehe er es als seine Aufgabe, "für die Einheit zu werben", obwohl er - wie Wagner sagte - "medial als großer Spalter gesehen" werde. "Die Einheit wird sicher ein ganz großes Thema sein in Zukunft", erklärte der bisherige Windischgarstener Pfarrer.
"Provoziere, um zum Nachdenken anzuregen"
In der Samstag-Ausgabe des "Kurier" meinte Wagner, er provoziere nicht, "um zu ärgern, sondern um zum Nachdenken anzuregen", auch wenn das Aufregung verursache: "Ich kenne die Meinung der Welt und ich kenne meine Position. Und das crasht. Aber dass man mich persönlich angreift, verstehe ich nicht".
Man müsse sich vor ihm "auch gar nicht so fürchten", sagte Wagner. Angriffe würden von ihm "abprallten" und seien zudem in der Minderheit. Weitaus mehr Menschen würden sich freuen und ihn ermutigen. Wenn Menschen auch seinetwegen aus der Kirche austreten, tue ihm das Leid, "aber ich habe um die Zukunft der Kirche keine Angst". Denn - so der künftige Weihbischof - "vielleicht müssen wir erst wieder eine kleine Gruppe werden, um dann stärker hinaus zu wirken. Und dann werden die Wenigen mehr bewegen als die Vielen, die sich nicht bewegen".
Die Position, dass Naturkatastrophen eine Folge geistiger Umweltverschmutzung sein könnten, wolle er nicht zurücknehmen, "das ist doch wahr". Wagner verwies als Beispiel auf den Weltfinanzmarkt, hinter dessen Krise "keine schicksalshaften Vorgänge" stünden, sondern "Menschen, die nicht genug haben können". Der Turbokapitalismus ist nach den Worten Wagners "auch ein Tsunami! Das ist auch eine geistige Umweltverschmutzung!", die sich in Gier und in "Materialismus ohne Seele" äußere.
Auf die Frage, ob Naturkatastrophen somit eine Strafe Gottes sind, antwortete Wagner wörtlich: "Eltern strafen ja auch ihre Kinder - und das hoffentlich aus Liebe. Warum soll Gott nicht auch ein Signal setzen? In der Heiligen Schrift haben wir ganz klar das Prinzip des strafenden Gottes". Er maße sich nicht an, Gott zu durchschauen, aber, so der neue Weihbischof: "Den 'lieben Gott' gibt es ja nicht... Wir brauchen den Gott, der uns an Grenzen führt".
"Natürlich ist der Islam eine Gefahr", meinte Wagner zur religiösen Veränderung Europas: "Aber wir werden ihr nicht Herr, indem wir auf die Muslime schimpfen, sondern indem wir Christen selbst stärker werden".
Wagner: "Auch ein Bischof muss hören können"






