Wien, 16.2.09 (KAP) Die Ernennung von Pfarrer Gerhard Wagner zum Linzer Weihbischof ist "völlig an den österreichischen Bischöfen vorbeigegangen", das vorgesehene Procedere für Bischofsernennungen sei nicht eingehalten worden: Das erklärte der frühere Nationalratspräsident Andreas Khol unter Bezugnahme auf Gespräche mit Vatikan-Insidern. Direkt aus Rom zurückgekehrt, nahm Khol am Sonntagabend an der ORF-Diskussionssendung "Im Zentrum" teil, die neuerlich der aktuellen Kirchenkrise gewidmet war. Mit Khol diskutierten der Linzer Bischofsvikar Wilhelm Viehböck, der Wiener Theologe Paul Zulehner, Hans Peter Hurka von der Plattform "Wir sind Kirche", die evangelisch-lutherische Oberkirchenrätin Hannelore Reiner und der Bankier Christof Zellenberg.
Den jetzigen Rückzug Wagners kommentierte Khol mit den Worten: "Ich bin der glücklichste Mensch". Er wolle Wagner nicht verurteilen, er kenne ihn auch nicht persönlich. Aber er finde es überaus positiv, dass die österreichischen Bischöfe in der Causa "so geeint vorgegangen" seien "und in Rom auch solches Gewicht haben, dass eine Entscheidung zurückgenommen wird".
In Erinnerung an die Turbulenzen rund um den umstrittenen St. Pöltner Bischof Kurt Krenn hätten viele Gläubige jetzt gemeint: "Um Gottes willen, lernt die Kirche nicht aus ihren Erfahrungen?" Mit der neuesten Entwicklung sei klar geworden, dass die Kirche aus den Erfahrungen gelernt hat, so der ÖVP-Politiker und Mitinitiator der "Laien-Initiative".
Khol wies darauf hin, dass es für Bischofsernennungen "ausgeklügelte Verfahren" mit regelmäßiger Einholung von Informationen durch die Diözesanbischöfe und den Nuntius gibt: "Wenn diese Verfahren eingehalten werden, bekommen wir Bischöfe, die für ihre Diözese gut arbeiten können". Im Falle Wagners sei die erforderliche Einbindung der Ortskirche nicht der Fall gewesen.
Eine Offenbarungsreligion wie das Christentum könne sich nicht nach Mehrheitsentscheidungen ausrichten, stellte Khol klar. Wohl aber bräuchten der Vatikan und der Papst ein "effizientes Kabinett" der verantwortlichen Chefs der Kuriendikasterien, das Fehler vermeiden helfe.
Bischofsernennungen schon lange ein Thema
Der Linzer Bischofsvikar Wilhelm Viehböck erinnerte daran, dass die katholische Kirche unter dem Eindruck der Causa Groer schon vor zehn Jahren im "Dialog für Österreich" um Verbesserungen bei Bischofsernennungen bemüht war. Er selbst habe damals einer Arbeitsgruppe angehört, die im Auftrag der Bischofskonferenz die Mitwirkung der Gläubigen mit dem Ernennungsrecht des Papstes in Einklang bringen sollte. "Die Ergebnisse sind leider versandet". bedauerte Viehböck.
Hinsichtlich des ursprünglichen Dreiervorschlags der Diözese Linz äußerte sich Viehböck vorsichtig: Es habe "Indizien" gegeben, dass der Name Wagner nicht auf der Liste stand. Das Linzer Domkapitel habe nach Bekanntwerden der Ernennung Wagners erklärt, seine Erwartungen seien "in eine andere Richtung gegangen". In weiterer Folge war es nur möglich, sich in der Diözese "zusammenzuraufen" oder aber zu einer Lösung zu kommen, wie sie jetzt mit dem Rückzug Wagners gewählt wurde. Über die eingetretene Entspannung sei er "erleichtert", so Viehböck. Für viele Menschen sei die Kirche eine "emotionale Heimat", die durch Vertrauensverlust verloren zu gehen drohte.
Respekt für Kardinal Schönborn, der sich wie schon in der Vergangenheit als "Troubleshooter" (Krisenmanager) bewährt habe, äußerte der Wiener Pastoraltheologe Prof. Zulehner. Die Ernennung Wagners habe wie ein Rückgriff in überwunden geglaubte Zeiten gewirkt, als die Kirche durch Bischöfe wie Groer und Krenn in eine Vertrauenskrise geraten sei. Bischofsbestellungen in jüngerer Zeit wie jene in Salzburg, Innsbruck oder St. Pölten seien demgegenüber Ausdruck einer "Politik der Beruhigung" gewesen. Dies entspreche auch dem "alten Gesetz der Kirche", dass niemand Bischof werden soll, den das Kirchenvolk nicht akzeptiert.
Die Autorität des Papstes werde gerade nicht dadurch erschüttert, einen Fehler einzugestehen, betonte Zulehner; bei Autorität gehe es nicht um "rechthaberische Züge", sondern um das größtmögliche Wohl der Ortskirche. Der "eigentliche Streitpunkt in Oberösterreich" ist laut Zulehner die Frage, wie die Kirche in Zeiten des Priestermangels "nahe an den Menschen bleiben" könne. In der Diözese Linz habe man in einer "sehr klugen Weise" entschieden, dass qualifizierte Laien priesterliche Aufgaben wie Gemeindeleitung, Taufen und Predigen übernehmen, um die Seelsorge zu garantieren. Statt dagegen Protest einzulegen, dass hier "Laien klerikalisiert" werden, müssten diese Laien geweiht werden, schlug Zulehner vor.
"Demokratieproblem" ist noch zu lösen
"Wir sind Kirche"-Sprecher Hurka zollte Pfarrer Wagner Hochachtung für seine Entscheidung zum Rückzug. Damit seien "die Probleme aber nicht gelöst". Die Kirche habe nach wie vor ein "massives Demokratieproblem", wenn Ernennungen "in einem Hinterzimmer des Vatikans" und an der Ortskirche vorbei vorgenommen werden. Hurkas Vorschlag: Vor Bischofsernennungen könnte ein Diözesankonklave einen verbindlichen Dreiervorschlag erstellen, aus dem der Papst dann einen Kandidaten auswählt.
Zellenberg, regelmäßiger Autor auf der Internet-Plattform "Kath.net", äußerte tiefe Betroffenheit über den Rückzug Wagners. Dieser sei "öffentlich ans Kreuz genagelt" und teilweise auch von Mitbrüdern ohne Barmherzigkeit und Liebe "in den Dreck gezogen" worden. Es sei von innerkirchlichen Kreisen ein "medialer Tsunami" entfesselt worden, schon vor einer möglichen Bewährung als Weihbischof.
Das in Oberösterreich ausgezeichnete ökumenische Klima würdigte Oberkirchenrätin Reiner. Die evangelische Kirche habe nach der Ernennung Wagners Sorge gehabt, ob eine gute Kooperation weiterhin möglich ist. Zuletzt hätten sich Anfragen gehäuft, wie man zur evangelischen Kirche übertritt, bestätigte Reiner auf Anfrage. Bevor Gläubige ins "kirchliche Niemandsland" wechseln, sei es besser, sie fänden Beheimatung in einer anderen Kirche.






