Zeitungskommentare zum Rücknahmegesuch des designierten Linzer Weihbischofs Gerhard Maria Wagner und zur Sonderberatung der österreichischen Bischofskonferenz am 16. Februar
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19.2.09 (Katholisch.at) Die außerordentliche Konsultation der österreichischen Diözesanbischöfe am 16. Februar in Wien und der dabei verabschiedete Hirtenbrief haben auch in den Zeitungskommentaren zu einer "Wende" geführt. War selbst nach Bekanntwerden des Gesuchs von Pfarrer Gerhard Wagner nach Rücknahme der Ernennung zum Linzer Weihbischof von einem "Systemfehler" (Markus Rohrhofer im "Standard") oder einem drohenden "Schisma" (Andreas Unterberger in der "Wiener Zeitung") die Rede, so attestierten die meisten Kommentatoren den österreichischen Bischöfen nach der Sonderberatung, sie seien "lernfähig" (Dietmar Neuwirth in der "Presse") und für "Überraschungsmomente" gut (Markus Rohrhofer im "Standard").
"Überraschung" und ein "ungutes Gefühl"
Nach Einschätzung der "Presse" hat der Verlauf der krisenhaften Situation der österreichischen Kirche in den vergangenen beiden Wochen, die schließlich im Rückzug Wagners sowie in der Sonderberatung der österreichischen Bischofskonferenz mündete, eines deutlich werden lassen: Kardinal Christoph Schönborn ist "der unbestrittene Primas Austriae". Die Krise sei zugleich zur "Stunde des Kardinals" geworden, so Dietmar Neuwirth und Erich Witzmann in der "Presse"-Ausgabe vom 17. Februar. Unter Einsatz "seiner gesamten Autorität" und unter "Ausspielen seiner vielfältigen persönlichen Kontakte in Rom" habe Schönborn "eine Art neuen Super-GAU" der katholischen Kirche in Österreich verhindern können. Es habe ein "Scherbenhaufen" gedroht, wie ihn seinerzeit die "Causa Groer" hinterlassen hatte.
In der öffentlichen Wahrnehmung wie innerkirchlich habe Kardinal Schönborn durch sein Krisenmanagement "Statur und Autorität gewonnen" und seine Kritiker eines besseren belehrt, die ihn "gerne als entscheidungsschwach und konfliktscheu" bezeichnen. Gestärkt durch diesen Erfolg könne Schönborn nun seinen Kurs "unbeirrt fortführen: Österreich neu zu missionieren".
Grundsätzlich positiv, jedoch noch deutlich weniger überschwänglich, hatte Neuwirth nur einen Tag zuvor, nach dem Bekanntwerden des Rücktrittsgesuchs von Pfarrer Wagner als designierter Linzer Weihbischof, gemeint: "Die Kirche ist eben doch lernfähig. Wer hätte das gedacht?" Mit seinem "von niemandem zu erahnenden Schritt" habe Wagner "sich selbst und der Kirche einen Dienst erwiesen" und zugleich den Vatikan mit diesem Schritt "düpiert", meinte Neuwirth. Zugleich sei damit aber auch sichtbar geworden, dass die "Qualität der Personalentscheidungen" im Vatikan "dringend verbesserungsbedürftig" sei.
Michael Prüller hingegen bewegte in seinem Kommentar in der "Presse" (17. Februar) "das ungute Gefühl, dass da einer fertig gemacht worden ist". Dennoch müsse man einräumen, dass in den vergangenen Wochen alle Seiten dazu beigetragen haben, "ein unattraktives Bild von Kirche zu zeigen". Die Ernennung Wagners sei "undiplomatisch" vor sich gegangen, aber auch die Gegner Wagners hätten durch "professionell orchestrierte Reaktionen" und die gezielte Verbreitung von Wagner-Interview-Zitaten zu "Harry Potter" und zum Wirbelsturm "Katrina" das ihre zur Krise beigetragen. Hinzu komme, dass Wagner selbst die geäußerten Befürchtungen "in einer Reihe eher unbedachter Interviews" noch bestätigte und damit "in der Mediengesellschaft peinlich" auffiel.
Nun wäre laut Prüller der Zeitpunkt gekommen, zur Ruhe zu kommen und sich zu fragen: "Was läuft da schief?" Prüller empfiehlt der Kirche in dieser Situation nicht das Abrücken von bewährten Positionen, sondern vielmehr eine erneuerte Form des "Vorbringens" dieser Positionen: "Im Ursprung waren die Lebensregeln, die die Kirche formuliert, (...) Antworten auf jemanden, der in seinem Leben einen liebenden Gott entdeckt hat und nun wissen will, wie er auf diese Liebe am besten reagiert". In einer "post-christlichen Gesellschaft" müsse überlegt werden, wie man diese Botschaft neu kommuniziert.
Bereits am 14. Februar hatte Chefredakteur Michael Fleischhacker in seinem Kommentar in der "Presse" den "kirchlichen Headhuntern" attestiert, im Falle Wagners "nach einem unvollständigen Anforderungsprofil" vorgegangen zu sein. Darin müsse nämlich die Frage beantwortet werden, ob ein Kandidat in der Lage sei, "die Positionen der Kirche (...) auf der Höhe der Zeit kommunizieren zu können". Das "Problem" im Falle Wagners bestehe daher weniger in dessen möglichen "Extrempositionen" als vielmehr darin, "dass ihm der Wille und/oder die Fähigkeit abgeht, seine Positionen im Rahmen eines ernst zu nehmenden intellektuellen Diskurses zu erörtern".
"So freiwillig, wie eben freiwillige Rücktritte passieren"
Trotz der "Notbremse", die Pfarrer Wagner durch sein Rücktrittsgesuch ("so freiwillig, wie eben freiwillige Rücktritte in der Kirche passieren") gezogen habe, bleibt Markus Rohrhofer zufolge weiterhin ein "Fehler im System". Wie Rohrhofer im "Standard" (17. Februar) schrieb, zeige sich in der Art, wie Kardinal Schönborn und den österreichischen Bischöfen von Rom "die Autorität entrissen" wurde, eine "römische Ignoranz", die auch zukünftig "Probleme" bereiten werde. Dagegen liege es nun an den österreichischen Bischöfen, "mit aller Vehemenz Grundlegendes des Zweiten Vatikanischen Konzils einzufordern: die Einbindung der Ortskirchen - insbesondere bei Personalentscheidungen". Passiere dies nicht, so verfestige sich das Bild, "dass Kardinäle und Bischöfe eine isolierte Behörde sind, die sich nur im Repräsentieren gefällt".
Zugleich spekulierte Rohrhofer über das Zustandekommen des Wagnerschen Rücknahmegesuchs: "(...) Wagner wäre nie freiwillig gegangen. Ein Mann, der 'täglich den Konflikt sucht' und ohne diesen ein 'irgendwie mulmiges Gefühl' in sich trägt, zerbricht nicht am Aufstand des gemeinen Kirchenvolkes. Und Wagner hat nicht Jahrzehnte auf diesen Sprung an die regionale Kirchenspitze hingearbeitet, um im entscheidenden Moment von sich aus klein beizugeben. Den Gläubigen zuliebe wäre der konservative Geistliche nie in die Unbedeutsamkeit zurückgekehrt."
Zuvor hatte Rohrhofer in einem Kommentar vom 13. Februar die Ankündigung einer Sonderberatung der Bischofskonferenz als "überraschend positiven" Schritt gewertet. Die Einberufung der Sitzung sei "ein deutliches Signal" zum einen "in Richtung der vielen Kritiker, die der Kirche angesichts der aktuellen Krise ein Aussitzen selbiger unterstellten", zum anderen in Richtung jener Katholiken, "die derzeit in ernster Sorge um ihre Kirche sind". Die Einberufung der Sonderberatung könne daher als "erster Schritt in Richtung Deeskalation" betrachtet werden und zugleich die "Hoffnung auf einen generellen Umdenkprozess" unter den österreichischen Bischöfen nähren.
"Wagner entspricht Wünschen des Papstes"
Peter Nindler wertete die Beschäftigung mit den jüngsten kirchlichen Aufregern - sei es der Lefebvre-Bischof Richard Williamson oder Gerhard Maria Wagner - in seinem Kommentar in der "Tiroler Tageszeitung" (TT/16. Februar) als "reine Zeitverschwendung"; denn insbesondere die Ernennung Wagners habe gezeigt, dass diese einem speziellen päpstlichen "System" folge und nicht Ergebnis von Kommunikationspannen sei.
Dieses "System" liegt nach Ansicht Nindlers in einer stückweisen Untergrabung der Autorität des Wiener Erzbischofs: So sei Kardinal Schönborn vom Papst bereits beim Ad-limina-Besuch 2005 einer "Kopfwäsche" unterzogen worden, so Nindler. Der Papst habe damals von einer "verstümmelten Glaubensunterweisung" in Österreich gesprochen und die Bischöfe aufgefordert, "das Wort Gottes in aller Klarheit darzulegen". Vor diesem Hintergrund passe die Ernennung Wagners letztlich ins Bild: "Sein Kirchen- und Gesellschaftsbild entspricht wahrscheinlich am ehesten den Wünschen des Papstes", meinte der TT-Kommentator. Daher seien auch keine "Amateur-Head-Hunter" am Werk gewesen, wie vielfach unterstellt, sondern "Profis".
"Bewunderswerter Schritt"
Michael Kaltenberger ("Neues Volksblatt"; 17. Februar) bezeichnet den Verzicht Wagners auf das Amt des Weihbischofs als "bewundernswerten Schritt", der "überall spürbar" für Erleichterung gesorgt hat. Damit habe er "das Wohl der Kirche vor seine persönlichen Interessen gestellt" und zugleich die österreichischen Bischöfe von einem "Riesenproblem" vor ihrer Sonderberatung befreit. Dennoch löse dies noch nicht die Probleme der Kirche insgesamt, so Kaltenberger. Dass dies auch den Bischöfen bewusst sei, werde nicht zuletzt in ihrem Hirtenbrief deutlich, in dem die Bischöfe den "sogenannten Fortschrittlichen in der Kirche, besonders in der Diözese Linz" einen "Rüffel" erteilt hätten.
Wallfahrtsort Windischgarsten
Andreas Unterberger sieht in der katholischen Kirche in Österreich derzeit viel mehr aufbrechen, "als es drei problematische Sätze von Herrn Wagner eigentlich wert sind". Wie Unterberger in seinem Kommentar in der "Wiener Zeitung" (17. Februar) schreibt, habe die Reaktion der katholischen Bischöfe - allen voran die Reaktion des Linzer Bischofs Ludwig Schwarz - "Überforderung und Führungsschwäche" deutlich werden lassen.
Allenorts sei Feuer am Dach: Zuerst habe man angesichts der "Causa Wagner" zwischen "Sich-tot-Stell-Versuchen und Panik-Formulierungen gewechselt", schließlich sei ein "Führungskonflikt" zwischen Kardinal Schönborn und Bischof Kapellari in der Bischofskonferenz immer deutlicher zu Ausdruck gekommen, so die Ansicht Unterbergers. Zu allem Überfluss habe der Pfarrer von Probstdorf, Msgr. Helmut Schüller, erklärt, er habe ein grundsätzliches Problem mit der Autorität des Papstes. Auf der "nun tief deprimierten konservativen Seite" hingegen spreche man bereits von einem "Schisma" und erkläre Windischgarsten zum "Wallfahrtsort" - dies alles zeige die vertrackte Situation, in der sich die Kirche in Österreich derzeit befinde.
"Mutig, aber nicht ganz"
Wolfgang Sotill hingegen zollt in der "Kleinen Zeitung" (17. Februar) den österreichischen Bischöfen offene Anerkennung. Sie haben "ungewöhnlich offen gesprochen", wenn sie sich in ihrer Kritik auch "stark auf formal-rechtliche Aspekte" beschränkt haben. "Auf Inhalte, die viele Katholiken an Pfarrer Gerhard Wagner auch gestört haben - von der Verweigerung, Ministrantinnen zu akzeptieren, bis zur Homosexualität -, sind die Bischöfe nicht eingegangen", merkte Sotill kritisch an. Dennoch überwiege der Dank für die kritischen Worte der Bischöfe, deren "Brisanz" sich in dem Satz zusammenfassen lasse: "Wir Bischöfe sind überzeugt, dass das im Kirchenrecht vorgesehene Verfahren zur Auswahl und zur Prüfung von Kandidaten sich bewährt, wenn dieses Verfahren auch wirklich eingehalten wird." Viel klarer, so Sotill, "kann man die vatikanischen Stellen nicht kritisieren."
"Erfrischende Handlungsfähigkeit"
Eine "erfrischende Handlungsfähigkeit" attestierte Andreas Schwarz der österreichischen Bischofskonferenz in seinem Kommentar im "Kurier" (16. Februar). Mit "ungewohnter Schärfe" seien einige Bischöfe "und wohl auch der Kardinal" dem Pfarrer von Windischgarsten "mit seinen Spintisierereien von Gottesstrafen und heilbaren Homosexuellen in die Parade gefahren" und hätten so zu seinem Rückzug beigetragen. Wagner wäre zum "Sprengsatz innerhalb des Kirchenvolkes" geworden, so Schwarz. Umso beachtlicher sei die "konsequente Erledigung des Falles Wagner". Außerdem habe die Bischofskonferenz durch ihre Sonderberatung und ihre Stellungnahme auch zur "Causa Williamson" unter Beweis gestellt, dass sie in der Lage sei, "in die Zukunft zu blicken" und sich nun neu auf die kirchliche Kompetenz in Glaubensfragen und in sozialen Fragen zu konzentrieren.
"Auf verlorenem Posten"
Ein einzelner Bischof, selbst ein Kardinal, stünde angesichts der jüngsten Konfliktsituation mit Rom "auf verlorenem Posten", meinte Josef Bruckmoser in den "Salzburger Nachrichten" (17. Februar). Zwar sei mit dem Rückzug Wagners der "Alptraum vieler katholischer Christen" abgewendet, doch am Ende sei letztlich doch jeder einzelne Bischof "von der Konferenz heim in seine Diözese" gefahren, "froh, wenn er dort seine Schäfchen halbwegs auf Linie hat", so Bruckmoser.
In Linz hätte man die "Causa Wagner" verhindern können, wenn man die Erfahrungen des Vorgängerbischofs Maximilian Aichern mit dem Linzer Priesterkreis ernst genommen hätte, glaubt Bruckmoser. Die jetzige Probe aufs Exempel habe nämlich gezeigt, dass der Einfluss dieses "extrem rechts positionierten" Kreises in Rom groß genug sei, um die "irrige Meinung" durchzusetzen, das Amt des Weihbischofs müsste aus ihrer eigenen Mitte besetzt werden. Daher tue Bischof Schwarz nun gut daran, mit einem weiteren Ansuchen um einen neuen Weihbischof zunächst abzuwarten.
Respekt vor leuchtendem Beispiel
Marga Swoboda äußert in ihrem Kommentar in der "Kronenzeitung" (17. Februar) die Hoffnung, "dass der Beinahe-Bischof nicht zurückgetreten wurde, sondern zurückgetreten ist". Das wäre laut Swoboda "großartig", wäre es doch ein Zeichen dafür, dass es einem Würdenträger gelungen sei, "nach seinem Wissen und Gewissen zu handeln" und "nicht nach Trotz, Eitelkeit und Machtgelüsten". Vielleicht, mutmaßt Swoboda, habe Pfarrer Wagner "einfach nur nachgedacht" und sich aufrichtig gefragt, ob seine in den Medien kolportierten Aussagen so tatsächlich haltbar seien. Wenn dies tatsächlich zutreffe, so müsste man offen sagen: "Respekt, Gerhard Maria Wagner".
Zeichen der Zeit
Werner Schima attestiert den österreichischen Bischöfen in seinem Kommentar in der Zeitung "Österreich" (17. Februar), die "Zeichen der Zeit verstanden" zu haben. Der "zweiwöchige Kirchenstreit" sei nun mit dem Hirtenbrief der Bischöfe zu einem eindrucksvollen Ende gekommen. So haben die Bischöfe "in überraschender Schärfe" auf die "unselige Bischofsernennung" in Linz reagiert, "hinter den Kulissen" hätten Kardinal Schönborn und Bischof Kapellari freilich "ihr diplomatisches Geschick ausgespielt". Auch die Stellungnahme zur "Causa Williamson" lasse "keine Fragen offen", so Schima. Daher sei der Hirtenbrief der österreichischen Bischöfe auch als "Ausdruck des neuen Selbstbewusstseins" der Bischöfe zu werten.







